Schweinehund überwinden

Seit ich mich mit meiner Transsexualität auseinandersetze, ist die Hemmschwelle, Sport zu machen, erheblich angestiegen. Zum Jahreswechsel 2015/16 habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet und den Schweinehund am Schlafittchen gepackt.

Hemmschwelle

Mein Körper ist ein echtes Paradoxon. Einerseits fällt es mir schwer, den Körper, in dem ich mich so unwohl fühle, in Bewegung zu bringen. In Sportklamotten sind natürlich einige Rundungen viel sichtbarer und präsenter, die ich sonst durch weite Kleidung zu kaschieren versuche. Als besonders störend empfinde ich dabei meine Brüste. Außerdem konnte ich mir eigentlich keine Sportart vorstellen, die mir Spaß macht, ohne dass Geschlecht eine Rolle spielt (Mannschaften, Umkleiden, etc.).

Andererseits gibt es auch die etwas platte Erkenntnis, dass ich nunmal nur diesen einen Körper habe, und deshalb versuchen sollte, mich mehr mit ihm anzufreunden. Ich kann ich dieses Unbehagen in der eigenen Haut eben genau dadurch lindern, dass ich Sport mache. Gezieltes Trainieren einiger Muskelgruppen (und in meinem Falle auch Abnehmen) führt ja dazu, dass die Körperform zumindest etwas „vermännlicht“ wird.

Motivation

Ich möchte fit sein, ich möchte abnehmen, ich möchte Kurven relativieren, ich möchte Muckis haben. Der Weg von der Sanduhr zum Michelinmännchen kam mir so lang ist, dass ich’s gar nicht erst versucht habe. Es hat ein paar Monate gedauert, bis ich klar genug vor Augen hatte, dass es sich für mich lohnt, mich zu bewegen. Irgendwann habe ich einfach gecheckt, dass auch nur ein bisschen Veränderung besser ist als keine. Und den perfekten Tag zum Anfangen gibt es nicht, also lieber gestern als heute. Jetzt benutze ich eine App, in der ich Leistungen festhalte und Entwicklungen verfolge.

Bestätigung

Das beste beim Überwinden des Schweinehunds ist aber die Bestätigung, dass Bewegung und Sport mir gut tun. Nach den ersten 20 Minuten schaltet mein Kopf ab von allem was mich vorher so den ganzen lieben langen Tag beschäftigt hat, und das ist eine wirklich angenehme Ruhe. Ich muss mich jedes Mal aufs Neue ziemlich aufraffen, überhaupt Sport zu machen, und wundere mich jedes Mal aufs Neue, wie sehr es mir die Birne freipustet. Bewegung sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen, sodass ich danach zufriedener und besser gelaunt bin. Übrigens ist mir Muskelkater als physischer Schmerz um einiges lieber als psychischer Schmerz wegen meiner Physis. Zu guter letzt bin ich jedes Mal stolz auf mich, wenn ich mich gegen den Schweinehund durchgesetzt habe.

2 Kommentare zu „Schweinehund überwinden“

  1. Hallo Julius,
    ich kenne einen Transmann, ca. 45 Jahre, bei dem kam die Sportlaune in Zusammenhang mit dem Testosteron so richtig in Fahrt. Denn dann wachsen die Muskeln schneller. Auf die blanke Körperkraft von Männern kann ich sehr neidisch sein. Aber seit ich begriffen habe, wie groß da doch die Unterschiede sind, lasse ich mir immer von unserm Küster die Podeste die Treppe rauf und runter tragen 😉
    Ich gehe laufen, mache Mark Lauren Fit ohne Geräte (genial, habe plötzlich Muskeln an Stellen, von denen ich vorher gar nicht wusste) und gehe Windsurfen. Das sind zwar alles Individualsportarten, ist halt besser mit meinen merkwürdigen Arbeitszeiten vereinbar.
    Fazit: Kein Stress mit Sport. Kommt Testosteron, kommt schnelleres Muskelwachstum, kommt mehr Motivation.
    Gudrun

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: