Bestandsaufnahme Februar 2016

Stand der Dinge, Februar 2016: Mittlerweile habe ich einen Haufen Dinge, die sich so pre-T und pre-OP gestalten lassen, hinter mir.

Soziales

Die größten Outings liegen hinter mir; Familie, Freundes- und Bekanntenkreis sind weitestgehend eingeweiht. Ich habe fast durchgehend gute Reaktionen erlebt – darüber bin ich mehr als froh, erleichtert und dankbar!

Aktuell ist der Namens- und Pronomenwechsel voll in Gange, wenige nutzen den neuen Namen und die neuen Pronomen konsequent, viele üben noch. Ich übrigens auch. Je nach Kontext stelle ich mich auch noch als Frau vor, weil ich noch nicht zufrieden genug mit meinem Passing bin. Das liegt daran, dass ich mich bei fremden Menschen, denen ich keine große Trans*sensibilität zuschreibe, nicht als Typ vorstellen möchte, wenn diese mich für offensichtlich biologisch weiblich halten. Also bin ich noch lange nicht zu 100% in der „neuen Rolle“, wie es immer so schön heißt. Spannend wird es zum Beginn des neuen Semesters im April, ob ich mich traue, alle Profs vorher einzuweihen.

Passing

Gemessen an den Voraussetzungen ist mein Passing ganz ok. Je nach Tagesform kann ich das auch so hinnehmen. Dass ich es gerade als ‚ganz ok‘ bezeichne liegt übrigens auch an meiner ganz guten Tagesform.

Ich merke, dass ich regelmäßig fremde Menschen verunsichere, weil sie nicht zu wissen scheinen, ob ihnen nun Männlein, Weiblein, whatever gegenübersteht. Diese Verunsicherung ist natürlich schonmal besser als als eindeutig weiblich gelesen zu werden.

Es gibt immer mal wieder kleine und große Erfolge: Zum Beispiel werde ich regelmäßig beim Tabak kaufen nach dem Ausweis gefragt, was mir nichtmal mit 16 passiert ist und ich bin immerhin 24. Oder neulich hatte ich meine Karte fürs Fitnessstudio vergessen und die Trainerin konnte mich im System nicht zuordnen, weil sie zu meinem Nachnamen nur den Vornamen Julia finden konnte (und keinen JuliaN, wie sie meinte). Oder ich wasche mir auf der Damentoilette die Hände, die Tür geht auf und Frauen drehen peinlich berührt wieder um, weil sie denken, sie seien auf der Herrentoilette gelandet. Wenn ich mich endlich traue, aufs Männerklo zu gehen, habe ich den nächsten Milestone geknackt. Bis dahin hoffe ich auf die Einführung genderneutraler Toiletten in ganz Bayern über Nacht.

Was mir sehr behilflich ist, um zumindest auf einen ersten, flüchtigen Blick zu passen  sind Binder, Caps und allgemein Männerkleidung. Bisher habe ich leider noch keine Hosen in der Herrenabteilung gefunden, die mir passen und gefallen.

Wenn mein Passing scheitert, finde ich, dass es oft an meiner Stimme liegt. Sie ist für bio-Verhältnisse zwar nicht hoch, aber wirklich nicht tief genug für meinen Geschmack. Oft bemerke ich eine gewisse Verwirrung bei anderen Menschen, was nun Sache ist. Sobald ich den Mund aufmache, kann man vielen regelrecht ansehen, wie ihnen einen Licht aufgeht, dass ihnen wohl eine ziemlich burschikose Frau gegenüber stehen muss.

Je nach Wetterlage, Kleidung und Kontext reicht es natürlich auch, mich nur zu mustern. Der Binder sorgt eben nicht für eine relativ flache, männlich anmutende Brust, sondern nur für ’nicht mehr ganz so viel Oberweite‘. Das Hosenproblem bringt entweder runde Frauenhüften und -oberschenkel oder totale Schlabberjeans mit sich, was beides nicht cool ist.

Die Spitze der Dysphoria habe ich erreicht, wenn ich Passing gar nicht erst für möglich halte,  weil ich zum Beispiel meine Hände und meinen Kopf für zu klein halte. Und das sind einfach Gegebenheiten, mit denen ich klarkommen muss.

Demnächst möchte ich meine Brille durch Kontaktlinsen oder eine männlichere Brille ersetzen, was passingtechnisch bestimmt nicht schaden wird.

Psychisches

Die ersten paar Monate mit Trans* ging es mir ziemlich schlecht. Im November und Dezember 2015 gab es ein erstes Stimmungshoch, weil mit Outing und Binder ein großer Knoten geplatzt ist. Dieses Hoch hat allerdings nachgelassen. Seit Jahresbeginn gebe ich mir viel Mühe, nicht wieder ins Depressive zu rutschen, was mal mehr und mal weniger gelingt. Ich versuche mich so gut wie möglich zu beschäftigen und jeden Tag Freunde zu treffen, weil Ablenkung einfach gut tut.

Aktuelle Themen mit meiner Therapeutin sind Passing, Kinderwunsch und mein Umgang mit Gefühlen.

Physisches

Wie oben schon angemerkt, ich bin pre-T und pre-OP.

Seit ein paar Wochen gehe ich ins Fitnessstudio und bemerke, dass ich fitter und kräftiger werde. Ich kann schon ein paar mehr Muskeln erkennen. Zum Glück macht mir Bewegung Spaß!

Woran ich dringend arbeiten sollte, ist mein Gewicht. Der erste Schritt mit Sport ist getan, der zweite mit Ernährung folgt hoffentlich auch bald. Mal sehen, wann ich dafür die nötige Disziplin und Motivation aufbringen kann. Achja, und das mit dem Rauchen ist erstmal auf später verschoben. Ich kremple eh schon mein ganzes Leben um, da muss ich ja nicht gleich übertreiben mit der Selbstoptimierung.

Der Beginn der Hormonbehandlung ist aktuell für roundabout Juni 2016 vorgesehen. Bis dahin möchte ich aber auf jeden Fall noch klarkriegen und entscheiden, ob ich Eizellen entnehmen und einfrieren lasse.

 

7 Kommentare zu „Bestandsaufnahme Februar 2016“

  1. Ich hoff mal ganz fest mit auf die Einführung gender-neutraler Toiletten in Bayern über Nacht!

    Sonst bleibt mir nur noch zu sagen: Gib nicht auf! Ich steh ähnlich am Anfang wie du (nur noch ohne Thera für trans*), du bist also nicht allein.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich als manchmal auch sehr männlich fühlende Person – biologisch Frau – muss auch immer nochmal nachdenken, bevor ich durch die Tür einer öffentlichen Toilette gehe, dass ich auch die richtige Tür nehme. Manchmal fühle ich mich dann da trotzdem falsch…
    Die Lösung: Ich nehme gerne die Behindertentoilette. Kürzere Schlange, mehr Platz, oft sauberer 😉

    Gefällt 1 Person

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