Kinderwunsch: Leibliche Kinder?

Erste Erkenntnisse nach dem Besuch in einem Kinderwunschzentrum

Ausgangslage

Da die Eierstöcke mit der Testosteronvergabe nach und nach ihren Dienst aufgeben, sollte ich die Fragestellung nach Kindern mit meinem eigenen Erbgut vor dem Testostart klären. Die Alternativen wie Adoption, Kinderlosigkeit, künstliche Befruchtung einer etwaigen Partnerin, etwaige Partner*innen, die Kinder mitbringen, etc. werden ja erst in Erscheinung treten, wenn der Kinderwunsch akut wird. Sprich in zehn Jahren oder so. Aktuell geht es eher darum, alle Optionen zu prüfen, um mir nicht später vorzuwerfen, eine Fehlentscheidung auf Grundlage mangelhafter Informationen getroffen zu haben.

Optionen

Auf natürlichem Wege schwanger werden kommt für micht nicht in Frage

  • weil ich mich jetzt und perspektivisch als fast ausschließlich gynäphil bezeichnen würde, d.h. dass ich die Wahrscheinlichkeit, mit einem Cis-Mann zusammen zu sein, als sehr gering einschätze.
  • weil meine Eierstöcke, wenn es dann irgendwann mit dem Kinderwunsch so weit sein sollte, vermutlich nicht mehr funktionstüchtig sind.
  • Die Option, selbst schwanger zu sein, ist ziemlich schwer vorstellbar. Ich würde es aber im Gegensatz zu vielen anderen Trans*Männern nicht prinzipiell ausschließen.

Kryokonservierung/Social Freezing

  • ist in Deutschland erlaubt, muss aber aus eigener Tasche bezahlt werden, sofern man nicht krank ist. Trans* ist zwar als psychische Krankheit von der WHO klassifiziert ist aber nicht auf eine Stufe zu stellen mit z.B. Krebs. Die Kosten für die Entnahme liegen in dem Kinderwunschzentrum, wo ich mich informiert habe, bei 3.500-4.000€. Die Kosten sind sofort zu decken, weil man die Medikamente selbst in der Apotheke abholen muss. Die Lagerung kostet 130€ pro sechs Monate.
  • die Entnahme der Eizellen sollte vor dem Testostart erfolgen. Der Körper wird über einen Zyklus mit Hormonen stimuliert, um mehrere Eizellen auf den Weg zu schicken und entnehmen zu können. Dieser Östrogen-Cocktail ist schon anstrengend und belastend genug, in Gegenwirkung zum Testo aber noch krasser.
  • ob ich überhaupt mit meinen eigenen Eizellen künstlich befruchtet werden dürfte, wenn meine VÄ/PÄ durch ist, ist fraglich. Der Anwalt des Kinderwunschzentrums wurde ins Rennen geschickt, um dies zu prüfen. Aber wer sollte sie sonst verwenden dürfen, wenn nicht ich? Dazu würde noch die rechtliche Unklarheit kommen, ob/wie Samenspende vom Cis-Mann zu mir als (rechtlich männlichen) Trans*Mann möglich ist.
  • Außerdem würde die VÄ/PÄ laut TSG §7 (1) wieder ungültigt, wenn ich ein Kind zur Welt brächte. Mit TSG §7 (3) könnte ich erneut die VÄ/PÄ beantragen. Es ist völlig verrückt!
  • eine etwaige Partnerin dürfte meine Eizellen in Deutschland nicht austragen, weil Leihmutterschaft verboten ist. Nach Aussagen der Ärzte ist es juristisch auch so kompliziert, dass mit Gesetzesänderungen in den nächsten Jahren eher nicht zu rechnen ist.
  • denkbar wäre Leihmutterschaft mit einer Parterin im Ausland, was allerdings den Kosten-/Aufwandsfaktor erheblich steigert. Auch die Entnahme und Lagerung müsste im Ausland erfolgen, weil die deutschen Kliniken nicht mit ausländischen zusammenarbeiten dürfen: Die Ärzte in Deutschland müssen bereits bei der Entnahme sicherstellen und garantieren, dass die Zellen nur zu legalen Zwecken verwendet werden. Ich dürfte die Zellen z.B. bei einem Umzug in eine andere Stadt mitnehmen, jedoch müsste die empfangende Klinik der entsendenden Klinik eine Art Empfangsbestätigung schicken. D.h. ich darf meine Zellen auch nicht selbst ins Ausland mitnehmen.

Mangel an Informationen

Es ist wahnsinnig schwierig, sich überhaupt zum Thema Trans* verlässlich zu informieren. Das Internet ist zwar endlos, jedoch muss immer wieder zwischen Laienwissen und Binsenweisheiten , nationalen Rahmenbedingungen und sogar unterschiedlicher Gesetzgebung auf Länderebene unterschieden werden. Dass es keine allgemeine Trans*Anlaufstelle seitens des Bundes gibt ist eine Katastrophe.

Doppelt wirkt sich dieser Informationsmangel aber beim Thema Kinderwunsch aus. Quasi jede Auskunftsmöglichkeit ist auf Cis-Hetero-Paare zugeschnitten. Als single, queer oder trans* Mensch(en) ist es schon schwer genug, sich überhaupt schlau zu machen. Angesichts des demographischen Wandels ist es mir ein Rätsel, warum all diese kinderwilligen Menschen keine gezielte Unterstützung erfahren.

In der Trans*Community ist es nochmal schwieriger, an Informationen zu gelangen, weil bis Anfang 2011 nach TSG §8 die Fortpflanzungsunfähigkeit und operative Veränderung der äußeren Geschlechtsmerkmale als Voraussetzung für die VÄ/PÄ galten. Also musste jeder Trans*Mensch, der vollständig in seinem gewünschten Gender leben wollte, sich aktiv dem leiblichen Kinderwunsch (post Transition) entziehen, sowie zwangssterilisiert und -operiert werden. Die entsprechenden Paragraphen wurden im Januar 2011 vom Bundesverfassungsgericht außer Kraft gesetzt. Ich bin schockiert, dass dies erst so spät geschehen ist!

Eine Begleiterscheinung ist, dass viele Trans*Menschen, die vor 2011 transitioniert sind, sich gar nicht erst mit dem Kinderwunsch auseinandersetzen konnten, wie ich es jetzt versuche. Es gibt quasi keine Erfahrungswerte, auf die ich zurückgreifen kann. Die Reproduktionsmedizinerin, mit der ich im Kinderwunschzentrum gesprochen habe, wusste nichtmal von anderen Kinderwunschzentren, die mit Trans*Männern als genetische Mütter zusammenarbeiten, und schlug vor, Kontakt mit Zentren in Berlin aufzunehmen. Wenigstens konnte sie die Konsultation des Anwalts einleiten. Dabei sei erwähnt, dass diese Ärztin einen sehr kompetenten Eindruck erweckt hat und sich durchaus feministisch/queerfreundlich geäußert hat (z.B. im Bezug auf die Ungerechtigkeit, dass Samenspenden erlaubt und sogar vergütet sind, während Eizellspenden verboten und für den Eigengebrauch äußerst kostspielig sind).

Leibliche Kinder?

Ob ich die Option auf leibliche Kinder aufrechterhalten möchte, weiß ich immer noch nicht. Es ist zumindest hilfreich, mit dem Besuch im Kinderwunschzentrum ein bisschen mehr Licht ins Dunkel rund um die Realisierung gebracht zu haben. Nächste Woche habe ich einen Termin bei ProFamilia, um diese Grundsatzfragen nochmal mit anderem Ansatz zu beleuchten. Bei diesem ganzen Schmok ist es ganz beruhigend zu wissen, dass die Finanzierung auf Umwegen möglich wäre und dass meine Eltern zur Gelassenheit mahnen.

Nebenbei bemerkt kotzt es mich ganz schön an, mich überhaupt damit auseinandersetzen zu müssen und weil ich mich zu jung für diese ganze Kindergeschichte fühle. Es wäre halt doch irgendwie einfacher gewesen, als Cis-Mann auf die Welt zu kommen haha.

9 Kommentare zu „Kinderwunsch: Leibliche Kinder?“

  1. Hi.. Ähm… Da bekommt man ja einen Knoten ins Hirn…

    Zwecks künstliches Gedöhns: Die Kosten schwanken ziemlich krass für sowas. Im Ausland ist es wohl billiger. Für „Cis-Menschen“ wird’s ja auch nur bezahlt, wenn man verheiratet ist und nicht für Samen/Eizellspende. Und wieviel ist dann echt auf Bundeslandebene unterschiedlich. Total dämlich. Die Kosten für die Konservierung hängen komplett von der Praxis ab. Es gibt Leute, die rechnen jedes eingefrorene Teil einzeln ab. Da wird man arm.

    Ich versuch jetzt ja schon ne Weile, Kinder zu machen. Ist ja so schon schwierig… wenn ich an die Zahlen für künstlich denke. Nicht wirklich beruhigend zu lesen. Ich kann mir deine Situation echt nur schwer vorstellen (auch wenn sie auf ner menschlichen Ebene total interessant ist – bitte nicht falsch verstehen, aber ist einfach interessant zu lesen). Ich frage mich die ganze Zeit, was ich an deiner Stelle täte & finde keine richtig gute Idee. Leibliche Kinder… hm… mir ist’s mittlerweile egal. Ich hab Angst vor der Geburt und ne Adoption wäre für mich sowieso die erste Option gewesen, wenn da nicht die viele Bürokratie wäre… die Bürokratie ist ja noch unberechenbarer als die Biologie! Was wäre der Unterschied? Dass sie dir ähnlich sehen? (Wenn ich adoptiere, habe ich wenigstens die Chance, dass mein Kind nicht so bekloppt ist wie ich :D) Toi toi toi!

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    1. Über die Kosten- und Rechtslage in Deutschland kann man sich wirklich ärgern, ja.
      Für mich ist das Kinderwunschthema so kompliziert, weil ich nicht von Haus aus unfruchtbar bin. Ansonsten kann ich mir Adoption etc. schon gut vorstellen.

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      1. Das ist eine ziemlich komische Vorstellung, ja. Weiblicher geht’s ja nicht haha! Würde es aber nicht grundsätzlich ausschließen, weil ich finde, dass ich die ‚Vorteile‘ meines Körpers in Erwägung ziehen kann.

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      2. Eignetlich eine sehr rationale Herangehensweise.

        Ich habe grade folgende leicht naive Unterhaltung mit meinem Freund geführt:
        „Amir, stell dir vor, du könntest das Baby statt mir austragen, und dafür wärst du jetzt 1 Jahr lang eine Frau. Du hättest ein Jahr lang eine Muschi und Brüste, aber danach würde sich das wieder zurückbilden und du wärst wieder ein Typ. Würdest du’s dann machen?“ Er so: „Nee!“ – „Wieso nicht?“ – „Na weil das weird ist…“ – „Wieso?“ – „Ich will keine Muschi.“ [Gelächter]

        Da du diese etwas wunderliche Diskussion angeregt hast, wollte ich sie gern mit dir teilen.

        Glaube auch, dass es kaum weiblicher geht als Schwangerschaft. Wobei ich grade sehr stark versuche, mich als Frau bitte nicht darüber zu definieren. Wenn ich nie Mutter werde, muss ich auch weiterleben. Und das wäre sehr dogmatisch, so zu denken…

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  2. Ich glaube, dass es in unserer z.T. sehr kinderarmen Gesellschaft eine große Freude an Kindern gibt, die sogar die gewünschten Standartbedingungen überwinden kann. In dem Punkt bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass auch in meinem beruflichen Umfeld gerade die ü70-Leute nicht sagen würden: „Lesbe mit Kind, wie geht das…? …unmoralisch…!“, sondern die Mitfreunde an glücklichen Eltern und einem Baby das überwinden würde.
    In der Politik ist das noch nicht auf allen Ebenen angekommen, das macht es für manche teuer und umständlich. Das ist eben auch ein gesellschaftlicher Lernprozess. Was einem nichts nützt, wenn man dadurch in seinem Leben vor einer Mauer steht und und nicht weiter kann.

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  3. Damn. Fun fact. Trans man hier, der es geschafft hat ein Jahr auf Testo zu sein ohne sich damit auseinander zu setzen und ernsthaft dachte, dass wenn man Testo blos wieder absetzt wieder Kinder bekommen kann.
    Ohne Witz jetzt, ich fühle mich so dumm. Ich hätte mich damit echt auseinander setzen sollen. Aber irgendwie ist das der erste Artikel, den ich durch Zufall dazu gefunden habe.

    Falls ihr euch jetzt fragt, wie das sein kann… Es gibt Ärzte in Deutschland die nehmen das nicht so genau mit Vorschriften, wie auch Psychater. So war meine Transition sehr angenehm und kurz. Allerdings wurde ich auch nie zu meinem Kinderwunsch gefragt. Jetzt im Nachhinein hätte mich da jemand gerne mal drauf ansprechen können.
    Damn. What do I do?

    Ich wollte Kinder :(. Hoffentlich kann meine Schwester da was reissen, die ist ja immerhin Familie.

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    1. Hey,
      tut mir leid das zu hören. Und was für ein Armutszeugnis für deine Behandler*innen. Mit meinen Endos war das Stichwort Kinderwunsch und etwaige Unfruchtbarkeit tatsächlich auch kein Thema, dafür haben sowohl meine Psychologin als auch mein Psychiater darauf aufmerksam gemacht und danach gefragt. Die Aufklärung von Trans*Menschen in Deutschland ist leider nach wie vor eine Frage nach Glück-oder-Pech mit den Behandler*innen.

      Was deinen Kinderwunsch angeht: Nach einem Jahr auf Testo sollte der Zug noch nicht abgefahren sein, allerdings ist der Zeitpunkt X ab dem du nicht mehr absetzen und schwanger werden kannst total individuell. Nach den mir bekannten Angaben ist das nach 1-5 Jahren auf Testo der Fall. Also sprich mit deinen Gynäkolog*innen und Endos, um Licht ins Dunkel zu bringen.

      Alles Gute!

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