Gedanken zum Testostart 2.0

Die Grundausrichtung, mit der Hormonbehandlung bald zu beginnen, ist klar. Aber in der Vorbereitung auf den Testostart gibt es noch einige Aspekte, die ich klären möchte bzw. auf die ich mich noch besser einstellen möchte.

Passing

Der wohl wichtigste äußere Effekt von Testo ist (nach einigen Monaten) das Passing. Die sichtbaren physischen Veränderungen wie Stimmbruch, Umverteilung von Körperfett, Behaarung/Bartwuchs etc. sind erwünscht und sorgen für ein stimmigeres, männlich gelesenes Auftreten. Die Situationen, in denen ich Menschen mit meinem ‚unklaren‘ Auftreten verunsichere, werden weniger werden, was auch gut ist. Außerdem glaube ich, dass es auch für mein direktes Umfeld hilfreich ist, um trans* besser zu verstehen.

Dysphoria

Wie Testo sich auf meine eigene Körperwahrnehmung auswirkt, macht mir wirklich Sorgen. Je näher ich körperlich an das männlich-gewünschte Bild komme, desto präsenter wird die Unzufriedenheit mit einzelnen Körperpartien. Aktuell ist es so ein bisschen „alles auf einmal scheiße“, und ich befürchte, dass sich das aktuelle Kaliber Unwohlfühlen dann auf einzelne Bereiche fokussiert, aber das gleiche Kaliber bleibt; sprich mehr für den einzelnen Bereich. Ich versuche zu akzeptieren, dass mit Hormonen zwar einiges aber nicht alles besser wird. Außerdem habe ich Angst, mich wegen dieser verschärften Unzufriedenheit mit einzelnen Körperpartien nicht mehr genügend über die positiven Veränderungen freuen zu können.

Härteste Phase der Transition

Die Geister streiten, was nun eigentlich am anstrengendsten und schwierigsten am Trans*Weg ist. Ich glaube für mich ist die krasseste Phase das erste Jahr auf Testo. Spätestens damit wird der innere Widerspruch auch nach außen hin sichtbar. Und bei meiner kurvigen Ausgangslage können gewisse Körperformen gepaart mit drei Barthaaren und quietschendem Stimmbruch gaaanz schön irritieren. Oder dass zum Beispiel mindestens sechs Monate Hormonbehandlung nötig sind, um eine Kostenübernahme der Krankenkasse für die Mastektomie zu erlangen, heißt für mich mindestens weitere sechs Monate lang einen ganz schön präsenten Vorbau mitzuschleppen, während vieles Anderes immer eindeutiger männlich wird.

Trans*Körper

Was bisher nur durch Kleidung und Auftreten gesteuert ist, wird körperliche Wirklichkeit werden. Das große Kunststück besteht darin, den eigenen Körper als trans* und modifiziert zu akzeptieren, und nicht für immer der cis-Männlichkeit hinterherzuhecheln. Ich glaube fast jeder gesunde Mensch hat an seinem Körper etwas, das nicht gefällt: Segelohren, schiefe Zähne, O-Beine, Puddingarme, Cellulite, Größe, Haare, … Der große Unterschied ist für mich, dass der Großteil dieser Menschen sich von Kindesbeinen an mit diesen Gegebenheiten auseinandergesetzt und damit leben gelernt hat. Und jetzt, wo ich die Tür zum Trans*Körper öffne, muss ich ganz von vorne anfangen, meinen Körper zu akzeptieren, wie er ist bzw. wird.

Männerkram

Eine weitere nicht ganz unwichtige Komponente ist, dass ich in die so schön betitelte ’neue Rolle‘ hereinwachsen muss. Mehr dazu im Post Rollenbildbashing.

Tempo

In welcher Geschwindigkeit welche Veränderung mit Testo eintritt, lässt sich nur grob sagen. Jede zweite Pubertät verläuft mit einer gewissen Unvorhersehbarkeit, wie jede erste Pubertät auch. Deswegen bin ich besorgt, ob mein Kopf mit meinem Körper Schritt halten kann. Viele Trans*Menschen beschreiben, dass sie lange brauchen, um überhaupt zu begreifen was mit ihnen passiert (ist), obwohl sie sich alle einig sind, genau den richtigen Schritt gemacht zu haben. Zumindest kenne ich es schon aus dem letzten Jahr, dass der Körper nicht mit dem Kopf Schritt halten kann, haha. Ob nun so herum oder so herum ist eigentlich nur die Wahl zwischen Pest oder Cholera, aber wenn ich die eine Option schon kenne, dann finde ich die bekannte natürlich angenehmer. Ich hoffe, dass die Veränderungen mit einer Geschwindigkeit eintreten, die sich für mich weder zu schnell noch zu langsam anfühlt.

Definitive Entscheidung

Schlussendlich ist das beängstigendste an der ganzen Testo-Chose, dass es eine definitive Entscheidung ist. Sicherlich lässt sich eine Hormonbehandlung stoppen, aber einige Veränderungen sind irreversibel (Behaarung, Stimmbruch, …). Und eine so definitive Entscheidung musste ich bisher noch nie treffen. Alles was so bisher passiert ist mit Outing, Namenwechsel, offene Infragestellung der eigenen Identität, usw. sind Dinge, die sich wieder ändern bzw. umlenken lassen. Und jetzt, wo quasi alle Hürden aus dem Weg geräumt sind, alle wichtigen Menschen hinter mir stehen und die Indikation bevorsteht, geht’s ans Eingemachte. Damit wird meine ganze Trans*Kiste auf eine neue Ebene gehoben. Ich betrete komplettes Neuland in der Hoffnung auf Besserung und kann eben nur erahnen, was mich erwartet.

2 Kommentare zu „Gedanken zum Testostart 2.0“

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