1. Termin in der Endokrinologie

Letzte Woche war ich zur Voruntersuchung in der Endokrinologie. Die Praxis ist die einzige in der Umgebung und wurde mir sowohl vom Psychiater als auch von anderen Betroffenen empfohlen. Trotzdem war der Termin frustrierend.

Praxis und Ausgangslage

In der überörtlichen Gemeinschaftspraxis sind drei erfahrene Endokrinolog*innen tätig, und seit wohl noch nicht so langer Zeit eine vierte Kollegin, bei der ich meinen Termin zur Voruntersuchung hatte. Diese Ärztin ist recht jung und spricht nur gebrochen deutsch. Das ist an sich kein Problem, nur offensichtlich ist sie nicht trans*erfahren (geschweige denn trans*sensibel) und schien selbst verunsichert durch die Sprachbarriere. Damit war die Ausgangslage für das Gespräch denkbar schlecht.

Annahme, was beim Termin passiert

Meine Mutter ist zum Termin mitgekommen, was für mich eine große Unterstützung ist. Für meine Familie wiederum ist es wichtig, so nah wie möglich am Geschehen zu sein. Unsere Vorstellung für die Untersuchung war, umfassend aus fachmännisch-medizinischer Perspektive über die Hormontherapie informiert zu werden (mit allem was so über die eigenen Recherche-Qualitäten herausgeht) und dass Blutproben für den Hormonstatus und Chromosomenanalyse entnommen werden.

Was dann tatsächlich passiert ist

Als allererstes hat die Ärztin erklärt, dass die Praxis keine Spezialeinrichtung für Trans*Patient*innen sei. So weit so gut, es werden ein Haufen anderer hormoneller Geschichten behandelt, aber quasi alle Trans*Menschen der Region pilgern in diese Praxis, weil sie die einzige weit und breit ist. Ich habe die Überweisung mit der F64.0-Diagnose vom Psychiater mitgebracht und brav meine paar Sätze aufgesagt: Dass ich trans* bin, demnächst mit der Hormontherapie beginnen möchte, dafür die medizinischen Voraussetzungen überprüfen lassen will und mich vor allem bei ihr als Expertin über alle Risiken, Nebenwirkungen, etc. informieren will.

Die Ärztin hat, ohne genau zu fragen,  mehrmals irgendwelche Tatsachen und Fehlinformationen meinerseits unterstellt, was mich total gestört hat. Ein bisschen lag das wohl auch an sprachlichen Hürden, dass sie lieber ein bisschen losgeplappert hat, was sie so denkt und meint und tut, anstelle mir einfach gezieltere Fragen zu stellen.

Zum Beispiel hat sie angemerkt, dass ich „zu spät“ kommen würde und alle ihre anderen Trans*Patient*innen gut und gerne 10 Jahre jünger seien. Dazu hat sie sich gewundert, dass ich (bis auf das letzte Jahr) noch nie in Psychotherapie gewesen sei, obwohl ich doch eine tief traumatische Pubertät hätte haben müssen. Andere Bio-Frauen seien stolz bei der ersten Periode und ich müsste doch traumatisiert gewesen sein. Das geht sie erstens alles nichts an und zweitens stimmt es alles nicht.

Informationsmangel

Außerdem hat die Ärzting wirklich vier mal erklärt, dass ich noch dringend ein Gutachten vom Psychiater bräuchte, was ein paar Wochen dauern würde und ohne das gar nichts ginge. Ich habe dann mehrmals erklärt, dass ich mir dessen bewusst sei, und dass der Psychiater Indikation und Arztbrief (also dieses ominöse Gutachten) auf Grundlage des Befunds aus der endokrinologischen Voruntersuchung (sprich just diesem Termin) ausstelle. Tonfall und Wortwahl  haben dabei die ganze Zeit suggeriert, ich hätte keine Ahnung vom Prozedere und würde blind&doof Testo einfordern ohne zu wissen was ich da eigentlich mache. Nebenbei hat sie dann noch fallen lassen, sie habe etwas von einer Zweijahresfrist für Psychotherapie bei Trans*Menschen  als Voraussetzung zur Hormonbehandlung gelesen und sich gewundert, dass der Psychiater schon die Diagnose gestellt hat. Auch wieder totaler Quatsch. Es gibt keine Fristen, es gibt nur Richtwerte und auch diese Richtwerte raten nur ein  Jahr Psychotherapie.

Meine eigentliche Frage nach Risiken, Nebenwirkungen, etc. hat sie auch nicht beantworten wollen, weil  sie nichts ohne die Ergebnisse des abgenommenen Bluts erklären wollte. So weit, so scheiße, und genau so schlau wie vorher.

Unsensibilität mit Trans*

Ich versuche, meine Erwartungshaltung möglichst runterzuschrauben, weil ich mir damit einen Gefallen tue. Zum Beispiel erwarte ich gar nicht erst, dass Ärzte und Personal der Praxis von alleine auf die Idee kommen, mich mit „Herr“ anzusprechen, nachdem sie die Diagnose auf der Überweisung sehen. Das wäre halt zu super und zu sehr ideale Welt.  Andersrum stört’s mich auch noch nicht genug, als dass ich hingehe und aktiv darum bitte, nicht mit „Frau“ angesprochen zu werden.

Ein anderer Aspekt ist, dass dieser Ärztin überhaupt nicht klar ist, was für ein Riesenschritt es für einen Trans*Menschen ist, den ersten Termin für die Hormontherapie zu haben. Da mangelt es einfach an Einfühlungsvermögen, Erfahrung und vielleicht auch Ausbildung.

Ein paar Tage später war ich wieder in der Praxis, um einen prophylaktischen Zuckerbelastungstest (auf Diabetes) zu machen. Dabei trinkt man ein gezuckertes Getränk und bekommt stündlich Blut abgenommen. Bei mir hat das immer die gleiche Krankenschwester gemacht. Als ich zum zweiten Mal von ihr Blut abgenommen kriegen sollte, saß ich mit zwei Frauen im Wartezimmer. Sie ruft mich auf mit „Frau soundso bitte“, und guckt wie ein Auto als statt eine der Frauen ich aufstehe. Nach kurzer Irritation fragt sie mich dann wie ich heiße und ich sage „soundso, Sie haben mich gerade aufgerufen“. Und solche Situationen neeerven mich einfach. Ich bin es ja gewohnt, mal als männlich und mal als weiblich gelesen zu werden, aber doch nicht beim zweiten Eindruck! Die Krankenschwester war – wie auch immer geartet – unaufmerksam, denn sie hatte mich ja schon eine Stunde zuvor behandelt.

In der idealen Welt hätte sie natürlich sowieso mitbekommen, dass ich trans* bin und in ihrem wöchentlichen wie-gehen-wir-richtig-mit-Patient*innen-um-Meeting mit dem Praxisteam besprochen, dass ich vermutlich mit „Herr“ angesprochen werden möchte bzw. dass man mich diskret fragen könnte.

Nächste Schritte

Der Befund der Untersuchung geht an meinen Psychiater, bei dem ich in zwei Wochen den nächsten Termin habe. Damit kann er Indikation und Arztbrief anfertigen, was das Startsignal für Testo in der Endokrinologie ist. Den nächsten Termin dort habe ich Mitte Mai, aber ich überlege ernsthaft, darum zu bitten, von einer/einem der Kolleg*innen dieser Ärztin behandelt zu werden.

9 Kommentare zu „1. Termin in der Endokrinologie“

  1. Mann, Julius, das ist ja grauenhaft. Ich weiß, bei geringer Endodichte ist die nächste Praxis die beste, aber vielleicht lohnt es sich in deinem Fall, für das Informationsgespraech vielleicht doch eine weitere Fahrt in die nächste Großstadt auf euch zu nehmen. Mich hat das Fachgespräch in Frankfurt damals sehr beruhigen koennen, die machen dort fast nix anderes. Checkup mit Blutwerten ist unter Testo dann ja alle 6 Monate. Vielleicht lässt sich das ja mit einem Ausflug kombinieren. Ich find es so wichtig, alle Infos zu haben und optimal betreut zu sein. Ich drücke dir und euch die Daumen, vielleicht findet ihr ja eine bessere Lösung.

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      1. Würde ich auf alle Fälle. Ist alles schon neu und verwirrend genug und da muss es nicht sein, dass die, die eigentlich medizinische Expertise bieten sollen, genau das Gegenteil präsentieren. Ich drücke die Daumen!

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  2. Genau das meine ich auch. Unbedingt einen 2. Arzt zuziehen. Ich finde gerade diesen ersten großen Schritt eminent wichtig und damit die bestmögliche Beratung nötig. Auf alle Fälle bitte um eine andere Ärztin aus dem Team, da muß man immer mutig sein, aber es ist sicherer und lohnend und für Dich auch eine Beruhigung. Kuß Gromu

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