Semesterstart und Outing: Aller guten Dinge sind drei

Zum Semesterbeginn hatte ich mir vorgenommen, alle Dozent*innen anzumailen mit der Bitte, mich Julius/Herr zu nennen. Das hat nur so halb geklappt.

1. Versuch

Halb geklappt deshalb, weil ich es verplant habe, besagte e-Mail VOR dem Semesterbeginn zu versenden. Wahnsinnig schlau, da hätte ich mir ein paar Turbulenzen sparen können. Wieder eingefallen ist es mir nämlich am Montag, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war und ich im ersten Kurs saß. Der spanische Prof hat spanisch-locker die Anwesenheit per Vorname abgefragt, statt eine Liste rumgehen zu lassen oder Nachnamen zu benutzen. Umringt von 20 Studierenden sah das in etwa so aus:

  • Prof: guckt auf Zettel und ruft auf „Julia?“
  • Ich: hebe die Hand „Hmmm“
  • Prof: guckt mich an und sucht weiter „Julia?“
  • Ich: hebe die Hand ein bisschen höher und brumme ein bisschen lauter „Hmmm“
  • Prof: „Oh“ guckt auf Zettel und sucht einen Rechtschreibfehler „Also Julian?“
  • Ich: „Ja äh nee Julius“
  • Prof: ungläubig „Julia Elisabeth?“
  • Ich: „Ja, ähm also Julius“
  • Prof: „Ahja, Julius“

Der Prof war zum Glück total entspannt und hat die Situation bestmöglich gehändelt, denn damit war das Thema schon gegessen. Trotzdem war das echt ein Reinfall: Da habe ich so gutes Passing, dass der Prof mich für einen Typen hält, und dann muss ich mich selbst vor dem ganzen Kurs misgendern bzw. outen. Wenigstens war der Rest vom Fest so einfühlsam, mich nur anzustarren und nicht auch noch Kommentare abzulassen.

Lektion gelernt, e-Mail an alle Dozent*innen verschickt:

Betreff: Namenswechsel als Studierender

Sehr geehrte Dozentinnen und Dozenten,

ich besuche im Sommersemester 2016 einen Kurs bei Ihnen, und möchte Sie darum bitten, mich mit Julius statt Julia anzusprechen, bzw. mit Herr statt Frau Xyz.

Ich bin transsexuell und aktuell mitten in Umbruchsphase von weiblich zu männlich. Meine Papiere sind noch weiblich ausgestellt, ich bewege mich aber bereits als Julius durch den Alltag. Kursbesuche an der Universität spielen dabei natürlich auch eine große Rolle, sodass ich Sie bitten möchte, meinen Weg zu erleichtern. Alternativ wäre es auch denkbar, auf Listen mit J. Xyz benannt zu werden.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung
Julius Xyz

2. Versuch

Diese e-Mail ging am Dienstagnachmittag raus und ich habe gehofft, dass die Dozentin des Dienstagabendseminars sie rechtzeitig liest. Als erstes wurden Referatsthemen verteilt, wir durften uns melden und anschließend den Namen selbst eintragen. Also habe ich mich für ein Thema gemeldet und die Dozentin hat es mir mit „Der Herr übernimmt das“ zugeteilt. Das war natürlich super; außerdem bin ich von einer trans*sensiblen Dozentin ausgegangen, weil es sich um Einführung in die Gender Studies handelt. Nebenbei hat sie noch angemerkt, dass sie obsessiv e-Mails lesen würde und ich war happy, dass sie meine Mail wohl gelesen und kommentarlos umgesetzt hat.

Wie sich dann herausstellte, hatte sie die Mail aber nicht gelesen, denn beim anschließenden Anwesenheitscheck durfte ich mich für „Julia Xyz“ melden und wurde völlig regungs- und kommentarlos abgehakt. Noch besser wurde es am Ende der Sitzung: Alle sollten sich vorstellen, was sie studieren und warum sie sich für den Kurs eingeschrieben haben oder für die Thematik interessieren. Nach diesen 24 Stunden aus Fremdouting-Misgendern-Passen-NichtPassen-Outing war’s mir zu blöd. Also habe ich mich als Julius vorgestellt, dass ich eigentlich was ganz anderes im hundertsten Semester studiere, dass ich mich privat für Genderkram interessiere, weil ich trans* bin, und zu faul bin, die Theorie alleine durchzuackern. Das Ganze natürlich nur sinngemäß und nicht wörtlich. Darauf kam quasi keine Reaktion, die Hälfte hat eh nicht zugehört und die Dozentin hat sich über breite Interessenfelder aller Anwesenden gefreut.

Dass die Dozentin mich ohne mit der Wimper zu zucken innerhalb einer halben Stunde als „Herr“ und dann „Julia“ anspricht, kann man ihr nicht übel nehmen, sie stand ja auch vor einem Haufen unbekannter Gesichter. Trotzdem fand ich es total nervig und unangenehm.

3. Versuch

Dienstagabend und Mittwochfrüh sind dann die Antworten von den Dozent*innen reingeflattert, zwei fehlen noch aber die anderen fünf waren unkompliziert. Die Gender Studies-Dozentin hat sich entschuldigt, dass sie doch nicht ganz so obsessiv e-Mails lese, haha. Schließlich gab’s heute die Probe aufs Exempel in einem anderen Seminar, wo ich als Julius aufgerufen wurde alles schön unkompliziert war. Dort hat die Dozentin noch erklärt, dass sie bei Abgabefristen für Hausarbeiten auch auf besondere Lebenslagen Rücksicht nehme. Ob sie damit mich meinte oder einfach allgemein cool ist, ist auch egal – gut ist’s allemal!

 

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