Dysphoria: Was körperlich alles stört

Ich versuche, Cis-Leser*innen zu erklären, was in meiner verqueren Welt nicht passt. Nicht erschrecken: Alle Varianten der Dysphoria können je nach Tagesform mal mehr, mal weniger, mal komplett, mal gar nicht auftreten. Dazu viel Senf allgemeiner Körperwahrnehmung. Dass ich heute darüber schreibe heißt nicht, dass es mir heute sonderlich schlecht geht. Ich spreche von einem Dauerzustand, der täglich ein bisschen anders ist. Ich hoffe, dass sich niemand beim Lesen erschreckt.

Körperwahrnehmung

Was ich jetzt erst bemerke, ist die völlig verkorkste Körperwahrnehmung, die pre-Trans* hatte. Als ob ich nach 23 Jahren aufgewacht und zu Bewusstsein gekommen wäre.

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Ich habe mich pre-Trans* eigentlich gar nicht mit meinem Körper beschäftigt, bzw. die Auseinandersetzung in der Tiefe sehr gemieden. Zum Beispiel konnte ich nicht nachvollziehen, wie sich jemand „so richtig gut“ in der eigenen Haut fühlt. Wie es Spaß machen kann, beim Meditieren in sich reinzuhören oder eine Massage zu genießen, weil körperliches Wohlbefinden sich direkt auf die Laune auswirkt. Sicherlich gab es Dinge, die mich gestört haben in meiner eigenen Wahrnehmung als Frau. Ich hätte nichts gegen eine top durchtrainierte Bikinifigur gehabt. Aber das hing mit der gesellschaftlichen Schönheitsnorm, sprich der Wahrnehmung durch Andere, zusammen und nicht damit, dass ich dann happy in meinem Körper gewesen wäre.

Zwei Dinge haben mich (fast) immer gestört: Gewicht und Brüste. Ich bin seit ich ca. 17 bin übergewichtig. Keine Tonne, aber eindeutig nicht gesund-normalgewichtig. Ich war sehr lange nicht motiviert, abzunehmen. Neben dem üblichen Schweinehund konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass ich überhaupt eine merkliche Verbesserung im Wohlfühlen in der eigenen Haut durch Abnehmen erreichen könnte. Es ist auch sicherlich eine gute Portion Schutz-Speck dabei, sodass ich mir selbst dadurch die Möglichkeit genommen habe, überhaupt als attraktiv wahrgenommen zu werden. Für mich lag es außerhalb meines Horizonts, selbst attraktiv zu sein – deswegen war es noch undenkbarer, so von anderen wahrgenommen zu werden. Die einzige Episode, in der ich gezielt abgenommen habe, war mit 20 kurz vorm Abitur. Da habe ich knapp 10 Kilo weggehungert und fand, dass ich einfach nur krank aussah, mit eingefallenem Gesicht. Und kurioserweise war das direkt nachdem ich einen ersten möglichen „Ausbruch des Trans*Seins“ unterdrückt habe. Also auch nur ein verrückter Versuch des es-Anderen-Recht-Machens.

Die Brüste sind seit ich ca. 16 bin ein wörtlich großes Problem gewesen. Irgendeine genetische Vorbelastung hat für eine Riesenkörbchengröße gesorgt. Ich glaube, ich muss das nicht weiter ausführen; ich kenne keine Frauen mit übermäßig großen Brüsten, die damit ernsthaft glücklich sind.

In Puncto Attraktivität war ich oft der Meinung, dass als besonders attraktiv geltende Menschen damit „psychische Unsicherheiten“ kaschieren, a là „du kannst halt gut aussehen“. Das Ganze war (ehrlicherweise ist, ich kämpfe immer noch damit) an eine gewisse Frauenfeindlichkeit gekoppelt. Frauenfeindlich in dem Sinne, dass ich mit meiner verkorksten Identität vieles weiblich Konnotiertes als negativ empfand (empfinde). Männern habe ich es eher als Frauen zugesprochen, nicht ganz in die Norm zu passen. Ich bin also auch ein Opfer vom kranken Schönheitswahn. Vermutlich kann sich niemand so ganz davon frei machen.

Dysphoria

Ich unterteile die körperliche Dysphoria in einzelne Körperteile und -regionen:

Größe

Ich wäre wirklich gerne größer. Auf meinen alten Perso konnte ich ein 1,75m mogeln, bei dieser Variante bleibe ich offiziell auch hihi. Trotzdem weiß ich, dass ich als Cis-Mann wohl größer geworden wäre und das wurmt mich. An schlechten Tagen vergleiche ich mich mit Männern jenseits der 1,80m, an guten Tagen freue ich mich über alle Männer unter 1,80m, die meinen Weg so kreuzen.

Gewicht

Langfristig möchte ich abnehmen, so viel steht fest. Ich mache ja seit ein paar Monaten Sport und die ersten fünf Kilo sind runter. Allerdings werde ich bis zur Mastektomie bei einer Portion Schutzspeck bleiben (so zumindest meine aktuelle Vorstellung), weil ich sonst das Gefühl habe, dass die Brüste trotz Binder zu prominent sind.

Allgemeine Statue und Muskeln

Meine Ausgangslage der Körperform ist in Ordnung. Ich bin jetzt mal unabhängig vom Gewicht ganz stabil und stämmig gebaut. Ich habe, als ich angefangen habe, Sport zu machen, mal alle Körperpartien vermessen und war ganz happy, dass ich den gleichen Hüft- wie Schulterumfang hatte. D.h. es ist gar nicht so unrealistisch, dass meine spätere Körperform eher ein V statt einer Sanduhr wird. Ein bisschen abnehmen, ein bisschen Körperfettverteilung durch Testo und ein bisschen Muskeln, dann läuft das. Ich habe auch glücklicherweise eine ganz gute Grundmuskulatur, auf die ich mit meinem Fitnessprogramm aufbauen kann, weil ich bis zum Abitur eigentlich immer mehrere Sportarten gleichzeitig gemacht habe.

Füße

Eigentlich sind meine Füße ganz ok. Mit Schuhgröße 42 habe ich keine Probleme, passende Männerschuhe zu finden, und damit gehöre ich schon zu den priviligierteren Trans*Männern. Trotzdem finde ich es manchmal schade, keine Größe 44 zu tragen. Wenn auf einer Hausparty ein Haufen Schuhe nebeneinander steht, würden meinem Ego ein paar Nummern größer nicht schaden. Aber passt.

Beine

Die sind leider viel zu weiblich. Ich hätte gerne agile, sportliche Männerbeine. Zu Schulzeiten habe ich da viele Jungs drum beneidet. Meine Beine kommen mir total unproportional vor, viel zu kurz und breit. Dabei habe ich eigentlich relativ muskulöse Beine und auch der Schwabbelanteil könnte schlimmer sein. Aus bio-weiblicher Perspektive sind die ziemlich in Ordnung.

Hüfte/obere Oberschenkel/Hintern

Alles zwischen den Beinen lassen wir mal außen vor. Meine Hüfte und der obere Teil der Oberschenkel reichen schon, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Ich passe schlichtweg in keine Männerhosen. Alle, die ich über die Hüfte kriege sind 10mal zu breit und zu lang für den Rest. Das ändert sich hoffentlich mit mehr Abnehmen und Körperfettverteilung durch Testo. Besonders schlimm finde ich es im Sitzen. Ich habe das Gefühl, ich nehme mit dieser Hintern-/Hüftenpartie viel mehr Platz ein, als ich eigentlich möchte. Tatsächlich bin ich für bio-weibliche Verhältnisse aber relativ proportional unterwegs. Wenigstens habe ich nicht auch noch mit einem besonders gebärfreudigen Becken zu kämpfen.

Bauch

Jaja, die Wampe. Die Gewichtskiste ist s.o. schon ausführlich abgehandelt worden. Ein Balanceakt zwischen Schutz und Unwohlfühlen.

Brust

Das ist meine Dysphoria-Zone schlechthin. Holymoly, ich hab wirklich im Bullshitbingo gewonnen, als der liebe Gott die Rundungen verteilt hat. Ich bin mir nichtmal mehr sicher, ob mein letzter BH ein E- oder F-Körbchen war. Jedenfalls zum Kotzen. Seit sechs Monaten bin ich eigentlich nur noch mit Binder in der Öffentlichkeit unterwegs; das hätte ich echt früher anfangen sollen. Der versteckt das Gröbste, aber auch nur mit drei Lagen weiter Kleidung. Ich habe echt keine Lust auf den Sommer und knappe Klamotten. Aber dem Thema widme ich bei Gelegenheit einen eigenen Artikel. Nur eins kann ich nicht oft genug wiederholen: Noch mehr als diese Ausgangslage kotzt mich an, dass die Mastektomie erst nach mindestens einem halben Jahr Hormonbehandlung gemacht werden kann.

Schultern

Zum Glück habe ich relativ breite Schultern. Das ist erstmal ok.

Arme

Die sind soweit auch erstmal ok. Sie könnten natürlich drahtiger sein. Der Sport zahlt sich aus, viel Schwabbel ist schon vermuskulisiert. Je nach Laune kommen sie aber auch manchmal kurz und wie zwei Stümpfe vor.

Hände

Meine Händer finde ich fürchterlich. Klein, wurstig, mini. Ich hoffe, dass sie mit etwas Knorpelwachstum durch Testo wenigstens ein bisschen kantiger werden.

Kopf

Der ist so klein! Ich befürchte, dass er nur noch unproportionaler wird, wenn die krassen physischen Veränderungen kommen. Manchmal finde ich der passt überhaupt nicht zum Rest, manchmal vergesse ich’s. Mein Gesicht ist ok, ich freue mich, wenn’s mit Testo ein bisschen kantiger und vor allem bärtig wird.

Stimme

Ich hasse meine Stimme. Viel zu hoch. Vielleicht habe ich mich deswegen so früh schon geweigert, in den Chören meiner Eltern mitzusingen (denn eigentlich singe ich ja ganz gerne vor mich hin). Es gibt Tage, an den habe ich schlichtweg keine Muße, mit Menschen zu reden, weil ich mich nicht hören will. Besonders nervt’s mich in der Uni in Seminaren, in denen man teilnehmen muss. Eigentlich laber ich ganz gerne und hab immer irgendwelche Kommentare auf der Zunge liegen, aber meine Stimme versaut regelmäßig mein Passing. Ich freue mich also auf den Stimmbruch.

Auf den Boden geholt

Mir ist bewusst, dass diese drölfzig Aspekte, die mich mal mehr, mal weniger stressen, weit jenseits der Durchschnittsmenschen liegen. Eins der großen Therapieziele ist ja, sich Punkt für Punkt mit dem eigenen Körper anzufreunden. Für mich fühlt es sich so an, als hätte ich in dem Moment, in dem ich diese bewusste Auseinandersetzung mit mir selbst losgetreten habe, eine Tür aufgemacht, die ich gar nicht mehr zumachen kann. Und hinter dieser Tür liegen unendlich viele Unsicherheiten. Nicht umsonst spricht man rund um die Transition auch von einer zweiten Pubertät. Ich muss eben von Null lernen, mich in meiner Haut wohlzufühlen und die Problemzonen zu akzeptieren.

10 Kommentare zu „Dysphoria: Was körperlich alles stört“

  1. Gib Deinem Körper eine Chance! es ist ja erschreckend, was Du alles von ihm verlangst! Du siehst für mich schon männlicher aus als Du es selbst wahrhast und Du machst es Dir doch zu schwer, wenn Du Dich da so auseinandernimmst. Irgendwann wirst Du auch in Deinen Körper hineinhören können. Abnehmen ist auf alle Fälle nur gut! auch die Brust wird weniger, sehr viel wwenigeer! Frage Deine alte, dicke Großmutter mit ihren Dauerabnahmeversuchen!!! Du wirst ein richtig gutaussehender Mann!!!! davon bin ich überzeugt. Ich fand meine Größe auch immer dämlich, aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, darüber zu lamentieren. (natürlich ist das etwas anderes aber dennoch…) Ernst war sehr viel kleiner als Du und hat das Beste draus gemacht. Also: Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist.- Es gibt für Dich so viele Baustellen, Du brauchst dafür noch unendlich Kraft!, ich wünsche Dir von Herzen, daß Du Dich magst -alles-!! auch in dieser schwierigen Phase vielleicht in Vorfreude auf Julius Achaz!…..Kuß G.

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  2. Hey Julius,
    da dieses Oberthema hier für mich seit Monaten bis heute (leider) eine große Priorität hat, bin ich dankbar, einen Beitrag zu lesen, der mir größtenteils aus der Seele spricht. Seitdem ich von meiner Transidentität weiß, kommen all die Dysphorien zutage, die ich immer hatte, aber immer erfolgreich zurückgedrängt habe. Ich habe meinen biologischen Körper gekleidet wie es zum Teil Norm, zum Teil ästhetisch war. Dein Bikini-Figur-Beispiel war für mich eine Zeit lang auch aktuell und scheinbar die Lösung.
    Diese Tatsachen waren gar nicht mal schlimm. Schlimm ist eher, dass mich die Last der „erlaubten“ Dysphorien gerade erdrückt. Aber man kann pre-testo immerhin an gewissen Dingen etwas rumschrauben (auch wenn der Binder und die zahlreichen Klamottenlagen eine körperliche Belastung darstellen können). Mir ist der Testo-Start enorm wichtig, da ich das Gefühl habe, endlich die alten Lasten langsam aber sicher begraben zu können, die zurzeit immer noch präsenter denn je sind. Obwohl ich gleichzeitig weiß, dass er nicht DER Schlüssel zum Paradies ist. Komplizierte Sache.
    Dein Blog ist bereichernd! Danke.
    Grüße, Lenn

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    1. Hi Lenn,
      danke für dein Feedback! Finde es irgendwie immer wieder angenehm zu hören, dass es auch anderen Trans*Menschen so geht.
      Außerdem finde ich, dass dieses Bewusstmachen von/Auseinandersetzen mit Dysphorien – so anstrengend es auch ist – letztlich hilft, sich wieder wohler zu fühlen: Wie du schon sagst, man kann einiges pre-T bearbeiten, anderes kommt dann mit Testo und in alles Unveränderliche wächst man auf lange Sicht hinein. Das ist dann wieder eine beruhigende Aussicht 🙂
      Wünsch dir weiterhin die nötige Kraft, die Dysphorien zu händeln!

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  3. was ist eigentlich mit deinen haaren? sind die jetzt auch weniger geworden? wie gehst du damit um? WIEDER auf Östrogen steigen und die scheiß fettverteilung in kauf nehmen? die Psyche ändert sich auch etwas…leider

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    1. Alles tutti mit meinen Haaren 🙂 hatte nach ca. einem Dreiviertel Jahr etwas Panik, dass sie ausfallen, aber das hat sich dann von alleine wieder etwas gebremst. Es wird auf alle Fälle etwas lichter, aber alles im Rahmen (bin jetzt 16 Monate auf Testosteron). Testo abzusetzen kommt für mich nicht in Frage.

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