Was bewirkt die Testosteronbehandlung (nicht)?

Testosteron bei Trans*Männern wirbelt den Hormonhaushalt durcheinander und sorgt für die gewünschte „Vermännlichung“. Hier ein Überblick, was sich mit Testosteron (nicht) verändert und mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist.

Behandlungsweise

Die beiden gängigsten Varianten Testosteron zu verabreichen sind Gels, mit denen man sich täglich eincremt, und Depotspritzen, die regelmäßig injiziert werden. Welche Form ich bekommen werde, wird sich beim nächsten Arztbesuch herausstellen. Beide Optionen haben ihre Vor- und Nachteile:

Mit dem Gel sorgt man für kleinere Schwankungen im Hormonhaushalt, weil das Intervall so kurz ist. Die Aufnahme über die Haut dauert länger, womit bei vielen Patient*innen die Wirkung des Hormons später bzw. langsamer eintritt. Der klare Nachteil ist, dass man sich täglich zur selben Tageszeit die Zeit nehmen muss, das Gel einziehen zu lassen. Zusätzlich muss man aufpassen nicht mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und man darf zunächst nicht duschen.

Die Depotspritzen lagern das Testosteron in den Muskeln, wo es bis zur nächsten Spritze abgebaut wird. Die Intervalle können von einer Woche bis zu drei Monate betragen, wobei Dosierung und Intervall sich meist im Laufe der Behandlung vergrößern. Auch hier gibt es klare Nachteile: die intramuskulären Spritzen sind schmerzhaft, viele berichten von Schmerzen und Taubheit rund um die Einstichstelle. Außerdem kann es zum Ende des Intervalls zu größeren Schwankungen im Hormonhaushalt kommen, die sich direkt auf die Stimmung auswirken. Wenigstens habe ich keine Angst vor Spritzen.

Die Hormonbehandlung erfolgt in den meisten Fällen ein Leben lang. Man kann das Testosteron nur absetzen, solange die Eierstöcke noch in Takt sind und „sich erinnern“ Östrogen zu produzieren. Dazu gibt es einer Reihe an Veränderungen, die sich beim Absetzen wieder zurück entwickeln, was im Zweifelsfalle nicht gewünscht ist.

Wirkungen und Nebenwirkungen

Ich habe hier laienhaft zusammengetragen, was Testosteron bewirkt. Das Vorgespräch in der Endokrinologie war ja ziemlich unbefriedigend, aber ich rechne eigentlich mit keinen großen Überraschungen mehr. Zumindest bin ich mir sicher, dass ich so viel recherchiert habe wie es der Otto-Normal-Trans*Mann so kann. Grundsätzlich gilt für alle Veränderungen: Jeder Verlauf ist anders, genau wie bei der cis-Pubertät auch. Manches geschieht früher, manches später, manches gar nicht. So richtig abgeschlossen sind die testosteronbedingten Veränderungen nach drei bis fünf Jahren, wobei die größten Veränderungen im ersten Jahr stattfinden.

Wirkungen

  • Muskelwachstum
  • Gewichtszunahme
  • vermehrte Körperbehaarung
  • Bartwuchs
  • Stimmbruch
  • Umverteilung des Körperfetts (Hüftgold wandert auf die Plauze)
  • kantigere Gesichtszüge
  • Haarausfall auf dem Kopf (Geheimratsecken)
  • mehr Kraft und Ausdauer
  • gesteigerte Libido
  • Knorpelwachstum
  • Haut wird gröber
  • Aussetzen der Menstruation
  • Klitoriswachstum (das erklärt auch, warum viele Trans*Männer ihre Genitalien umgangssprachlich-phallusmäßig bezeichnen)

Nebenwirkungen

  • Stimmungsschwankungen (mit Schlafstörungen, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit)
  • Hitzewallungen und Schwitzen
  • Akne
  • Gelenk- und Muskelschmerzen
  • Wassereinlagerungen
  • Bluthochdruck
  • gesteigerter Appetit und Durst
  • Vaginalatrophie (sowie bei Cis-Frauen in den Wechseljahren)
  • Anstieg von Leber- und Blutfettwerten sowie Blutkörperchen

Mythen

Bedenken, dass Testo bei Trans*Männern zu erhöhtem Krebs- und Osteoporose-Risiko führt, sind mittlerweile mit ersten Langzeitstudien widerlegt worden. Ein anderer weiterverbreiteter Irrtum ist, dass Testo für Wachstum und Veränderungen im Knochenbau sorgt. Das heißt, ich bleibe bei meinen 1,75m und werde nicht mehr größer.

Mentale Veränderungen

Die Binsenweisheit „Testo verändert den Charakter“ stimmt irgendwie nicht. Die Persönlichkeit und Charaktereigenschaften bleiben dieselben, man wacht ja nicht nach der ersten Testospritze als neuer Mensch auf. Trotzdem haben die Stimmungsschwankungen Rückwirkungen auf das Verhalten (wir alle wissen wie anstrengend Teenies sein können). Viele Trans*Menschen werden etwas extrovertierter und selbstsicherer, weil sie sich durch die körperlichen Veränderungen in der eigenen Haut einfach wohler fühlen und damit auch die Depressionen weniger werden. Viele Trans*Männer berichten außerdem, dass sie sich emotional ein bisschen ausgeglichener als vorher fühlen: Sie sind weniger nah am Wasser gebaut und können -ich kann’s nicht politisch korrekter formulieren- so manche weiblich konnotierte Gefühlsduselei nicht mehr ganz so gut nachvollziehen wie vorher.

 

3 Kommentare zu „Was bewirkt die Testosteronbehandlung (nicht)?“

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