Testo: Tag 1

Alle Bedenken, dass der Testostart am vergangenen Freitag nicht stattfinden könnte, hätten sich fast bestätigt. Am Ende hat’s dann doch geklappt.

Ich war doppelt vorgewarnt, dass der Termin kein Zuckerschlecken wird: Einerseits die schräge Voruntersuchung, andererseits unbefriedigende Berichte über dieselbe Ärztin von einem anderen Trans*Mann. Ich habe eine Freundin mitgenommen, weil ich schon geahnt habe, dass es hinterher einigen Schnatterbedarf geben würde. Außerdem ist es auch schöner, so einen großen Tag nicht alleine zu wuppen.

Warum ich die Ärztin (noch) nicht gewechselt habe

Es war absehbar, dass sich der Testostart mit einem Arztwechsel um Monate verschoben hätte: Den nächsten Termin bei einem anderen Arzt der Praxis habe ich für Ende Juni bekommen und vermutlich hätte eine erneute Blutabnahme samt Auswertung mind. drei Wochen gedauert, weitere Wartezeiten auf einen Folgetermin, etc.pp. Nach Rücksprache mit einigen Mitgliedern der lokalen Trans*Gruppe habe ich entschieden, zunächst den Termin bei derselben Ärztin wahrzunehmen, mit Testo anzufangen, und dann erst zu einem anderen Arzt derselben Praxis zu wechseln.

Noch eine Schleife zur holprigen Indikation

Zu meiner Überraschung war die Indikation nicht in der Praxis angekommen, sie muss wohl in der Post verloren gegangen sein. Also habe ich mehrmals mit der Sprechstundenhilfe meines Psychiaters in München telefoniert und parallel wurden vor Ort mehrere Optionen, wo der Brief abgeblieben sein könnte, geprüft. Wie sich herausstellte, war das Schreiben tatsächlich an einen anderen Arzt in derselben Praxis adressiert. Aber in seinem Postfach war nichts, außerdem würden alle Unterlagen nach Patient*innen sortiert. Im selben Gebäudekomplex gibt es eine dermatologische Praxis einer Ärztin mit dem gleichen Nachnamen wie der Arzt in meiner Praxis. Auch dort war nichts. Die rettende Idee war dann, die Indikation zu faxen. Gesagt, getan. Der telefonisch bombardierten Sprechstundenhilfe in München werde ich beim nächsten Mal ein paar Blümchen mitbringen.

Hürde: Ärztin

Dieses Mal habe ich mich von der Ärztin noch schlechter als beim ersten Mal beraten gefühlt. Immerhin hat sie mir in aller Ruhe erklärt, wie ich meinen Vitamin D-Mangel und eine leichte Insulinresistenz beheben könne. Wie sich herausgestellt hat, habe ich übrigens kein Diabetes und auch kein Problem mit Blutzucker. Dazu kam wie schon zuvor ein Monolog bzgl. Übergewicht, der wirklich unter aller Kanone war. Ich könne ja mal anfangen, Sport zu machen. Da habe ich ihr erneut erklärt: Mach ich! Das Schönste war aber der Exkurs zu gesunder Ernährung, wortwörtlich: „Fastfood ist nicht so gut. Sie sollten eher Salat, Obst, Gemüse und Fleisch essen. Das hilft Ihnen wirklich.“

Wofür sie sich aber leider gar keine Zeit genommen hat war der eigentliche Grund meines Termins, Testosteron. Natürlich ist nicht sie, sondern die Sprechstundenhilfe auf die Idee mit dem Fax gekommen. Außerdem wollte sie mich vertrösten, dass wir trotzdem neue, frische Blutwerte benötigen würde. Ich habe insistiert und mehrmals nachgehakt, was denn den Unterschied ausmachen würde: Die Werte sind sechs Wochen alt und völlig unauffällig, ich bin eine gesunde Bio-Frau. Die erneute Abnahme und Auswertung würde mindestens drei Wochen dauern, anschließend müsste sie die Ergebnisse erneut sichten, einen neuen Befund erstellen und mich schließlich in die Praxis bestellen, um ein Rezept auszustellen. Auf gut Deutsch wären die Werte dann zum Testostart mindestens vier (eher fünf bis sechs) Wochen alt.

Schließlich hat sie „eingelenkt“, wobei es eigentlich gar nichts zum Einlenken gab, denn eigentlich waren alle Voraussetzungen erfüllt, um mit der Hormontherapie zu beginnen. Ich habe mir die ganze Zeit über wirklich Mühe gegeben habe, freundlich und höflich zu bleiben. Ich habe immer wieder schön langsam gesprochen und schlicht formuliert, weil es mit ihr ja dieses kleine Sprachproblem gab. Ich kann mich nur wiederholen, dass ich ernsthaft kein Problem damit habe, wenn jemand einer Sprache nicht zu 100% mächtig ist. Eine andere Nummer ist es jedoch, wenn die Ärztin keinen geraden Satz herausbringt, nicht zuhört, ständig unterbricht und Fragen (wenn überhaupt) in ganz andere Richtungen beantwortet, als sie gestellt werden.

Knaller

Wer denkt, die holprige Verständigung war die Krone auf diesem chaotischen Termin, bitte festhalten, jetzt kommt der Knaller: Ich habe KEIN einziges Wort der Aufklärung über Wirkung, Risiken, Nebenwirkungen von Testo gehört. Ich habe zwar nicht ernsthaft damit gerechnet, noch etwas neues zu hören, trotzdem hätte ich mich über eine Bestätigung aus medizinischem Mund gefreut. Gesetzt den Fall, ich hätte mich nicht vernünftig informiert oder wäre dazu intellektuell nicht in der Lage gewesen, dann wüsste ich z.B. nichts über langfristige Unfruchtbarkeit oder irreversible Veränderungen meines Körpers. Logischerweise habe ich auch kein Formular ausgefüllt, dass ich – wie sonst üblich – über Behandlung und Nebenwirkungen ausführlich informiert und aufgeklärt wurde. Meine Nachfragen wurden abgebügelt mit einem sinngemäßen ich wisse doch schon alles, sonst würde ich nicht so sehr darauf bestehen, unbedingt dieses magische Rezept von ihr ausgestellt zu bekommen. Und das ist das eigentlich allergrößte Missverständnis: Würde die Ärztin ansatzweise verstehen, was für eine Tragweite Trans* für Patient*innen hat, dann wüsste sie, was für ein Druck und Stress der Schritt der Hormonbehandlung mit sich bringen kann. Hätte sich der Testostart um ein paar Wochen verschoben, wäre das an sich kein Problem gewesen, ich war ursprünglich ja eh von Juni 2016 ausgegangen. Nur habe ich die letzten Tage und Wochen so sehr auf diesen Termin hingefiebert (weil ich auch wusste, dass die Voraussetzungen alle erfüllt sind), dass ich das nervlich nur schwer nochmal gepackt hätte.

Ich durfte natürlich nicht mitreden, ob ich mit Gel oder Spritze behandelt werde: „Ich weiß nicht was andere Ärzte machen, bei mir bekommen Sie TestoGel.“ Mir wären Spritzen zwar lieber gewesen, aber Gel ist für mich auch völlig in Ordnung. Zusätzlich hat sie mir einen Östrogenblocker verschrieben, Tamoxifen. Dieses Medikament ist ein wahrer Nebenwirkungs-Kracher, der fast für Alltags-Untauglichkeit sorgt. Also habe ich mehrmals nachgefragt, ob es wirklich nötig sei: Ich wisse, dass der Großteil der Trans*Männer erst Blocker einnimmt, wenn der Östro-Spiegel durch die Decke geht und sie nach Monaten noch ihre Tage bekommen. Ich hätte Bedenken wegen der Nebenwirkungen, Testo an sich bringt ja auch schon eine Menge mit sich. Meine Werte seien normal, muss ich mir wirklich prophylaktisch so einen Mist zuführen? Die Antwort war immer die gleiche: „Der Östrogenspiegel muss gesenkt werden. Ich weiß nicht was andere Ärzte machen. Sie sollten dieses Medikament einnehmen.“

Fazit

Diese mehrstündige Odyssee in der Praxis hat mich wirklich Nerven gekostet. Tamoxifen habe ich bisher nicht angefasst, dazu werde ich nochmal Rücksprache mit meinem Hausarzt und meiner Gynäkologin halten. Alle Trans*Männer, die ich bisher dazu gefragt habe, haben nur mit dem Kopf geschüttelt und von der Einnahme abgeraten, weil es nicht nur ein starkes Medikament, sondern auch sehr unüblich ist. Die Apothekerin war übrigens auch entsetzt, dass ich nichtmal eine Dosierungsempfehlung seitens der Ärztin bekommen hatte.

Aber, last but not least, ich bin auf Testo!
Hätte mir auch kein besseres Datum als Freitag den 13. wünschen können 🙂

3 Kommentare zu „Testo: Tag 1“

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