Bestandsaufnahme Mai 2016

Stand der Dinge, Mai 2016: Pre-T liegt offiziell hinter mir, das Outing ist quasi abgeschlossen, usw.

Soziales

Das Outing als Trans* hat einen weiteren Kreis gezogen: Ich habe mir im März ein neues Facebook-Profil zugelegt. Ein kleiner Zeigefinger schwebt mir ab und zu per Mail entgegen, wenn ich Benachrichtigungen vom alten Facebook-Profil bekommen. Das habe ich nämlich immer noch nicht gelöscht, weil ich es nicht auf die Reihe kriege, die verlinkten Fotos zu downloaden. Der Zeigefinger ist also ein „Achtung, bitte beginnen Sie jetzt mit der online Vergangenheitsbewältigung“. Naja. Mit dem neuen Account habe ich nicht nur die Freundesliste ein wenig ausgemistet, sondern auch einen weiteren Haufen Leute eingeweiht, mit denen ich es nicht geschafft habe, persönlich zu reden. Dabei habe ich auch den Blog ein bisschen publik gemacht. Alles Feedback, das bis zu mir durchgedrungen ist, war positiv. Das ist schön, vielen Dank. Außerdem bin ich jetzt auch an der Uni geoutet, was ein wichtiger Schritt war.

Der Namen- und Pronomenwechsel ist schon fast gegessen – zumindest für mich. Mir passiert es immer weniger, dass ich mich selbst falsch gendere. Das heißt aber auch, dass es mich immer mehr stört, wenn ich mich nicht als Julius vorstellen kann, d.h. in verschiedensten Situationen meinen Ausweis zu benutzen. Studierendenausweis in Bus und Bibliothek, Bahncard im Zug, Krankenkarte beim Arzt, Perso beim Tabakkaufen, etc. pp. Es hat sich also einiges getan die letzten drei Monate, verglichen damit:

Je nach Kontext stelle ich mich auch noch als Frau vor, weil ich noch nicht zufrieden genug mit meinem Passing bin. Das liegt daran, dass ich mich bei fremden Menschen, denen ich keine große Trans*sensibilität zuschreibe, nicht als Typ vorstellen möchte, wenn diese mich für offensichtlich biologisch weiblich halten.
Bestandsaufnahme Februar 2016

Nachdem ich letztes Jahr monatelang auf Namensuche herumgeirrt bin, ging es erstaunlich schnell, den zweiten Vornamen Achaz auszusuchen. Der alte zweite Vorname war familiär bedingt, Achaz auch. Den Frühling über habe ich ein paar alternative Überlegungen angestellt, bin bei Achaz hängengeblieben und habe ihn von der Familie absegnen lassen. Jetzt steht der Antrag auf VÄ/PÄ ziemlich weit oben auf der To-Do-Liste.

Ich bemerke massive Unterschiede, wie mein Umfeld im Laufe der letzten Monate mit dem Namen und den Pronomen umgeht. Es gibt viele, denen „Julius“ leicht und „er/sein/ihm“ schwer über die Lippen kommt. Die Faustregel ist ein bisschen: Je länger man sich kennt und je weniger man sich sieht, desto schwieriger ist die Umstellung. Und je länger man sich kennt und je weniger man sich sieht, desto mehr kann ich verstehen, dass es schwer fällt.

Passing

Was das Passing angeht, hat sich nicht viel verändert: Einerseits bin ich selbstsicherer geworden, mich als Julius vorzustellen und grüble nicht jedem Mitmensch hinterher, ob ich nun als Mann oder Frau wahrgenommen werde. Andererseits ist das Tragen dicker Jacken und Pullis gerade jahreszeitenbedingt nicht angesagt, was ich sehr schade finde, weil ich dadurch die Oberweite als prominenter und präsenter empfinde. Neulich war ich zum ersten Mal mit unrasierten Beinen und kurzer Hose in der Öffentlichkeit, das wäre letztes Jahr undenkbar gewesen.

Die Kontaktlinsen-Idee habe ich ausprobiert und nach einem Arztbesuch mit angekratzter Hornhaut wieder verworfen. Meine Psychologin sagte mit einem Augenzwinkern: „Verhaltenstherapeutisch betrachtet sollten Sie es jetzt erstrecht mit den Kontaktlinsen versuchen“. Es läuft also auf eine neue Brille hinaus.

Ich benutze seit ein paar Wochen fast ausschließlich die Herrentoilette. Ab und zu gibt’s schiefe Blicke, aber nur selten so richtig schiefe Blicke. Mit jedem Gang wird die Überwindung kleiner.

Psychiches

Das war ein ätzender Winter! Leider hat sich meine Befürchtung bestätigt und der stimmungstechnische Abwärtstrend vom Jahresbeginn hat angehalten. Immer wiederkehrende depressive Dysphoria-Attacken gepaart mit Existenzsorgen rund um leibliche Kinder und einem riesigen Eiertanz rund um den Testostart. Meine Fresse. Wenigstens ist mit dem Testostart auch das Kinderwunsch-Thema erstmal ad acta gelegt. Die Dynamik ist ein bisschen entschärft, und jetzt ist wieder Raum für neue Baustellen geschaffen. Mal sehen, in welcher Form diese Themen mich später wieder einholen.

Zwei andere Ereignisse sorgen seit April für allgemein besseres Wohlbefinden: Ich wohne zum ersten Mal seit Mitte 2014 wieder langfristig in einer coolen WG, und ich bin wieder ins Unileben eingestiegen, was auch seit Januar 2015 gefehlt hat. Hallo Mitbewohner, hallo Freund*innen! Schön, dass es euch gibt. Nichts ist heilsamer als ein aktives nach-draußen-gehen und angenehme Leute um sich zu haben, das stelle ich immer wieder fest.

Physisches

Ich habe am 13. Mai 2016 mit Testo angefangen, yeah! Damit hat sich meine Grundstimmung grundsätzlich gehoben, sodass ich jetzt schon eine Unterteilung wahrnehme, nämlich in „vor Testo“ und „jetzt“. Die Weichen für die Fahrt ins Wohlfühlen sind gestellt, der Zug ist gerade losgefahren. Ich bin sehr, sehr, sehr gespannt, wo die Reise hingeht.

Sporttechnisch habe ich aktuell ein kleines Tief, aber unterm Strich pilgere ich seit Januar brav in die Muckibude. Ernährungstechnisch habe ich bisher nicht viel geändert, ich bin einfach zu bequem für eine gezielte Diät. Dank Sport habe trotzdem ein paar Kilos abgespeckt.

4 Kommentare zu „Bestandsaufnahme Mai 2016“

  1. Julius, wir sind in Gedanken und beim Lesen Deiner Berichte immer bei Dir! Für uns ist die Sache natürlich auch richtig aufregend. Wir wünschen Dir auf Deinem Weg zu Dir selber viel Kraft und gute, liebe Begleitung von Freunden und Freundinnen.
    Jutta und Tus

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