Mastektomie: 4 Wochen Pre-OP

Hiermit ist der Countdown eingeläutet, meine Brust-OP steht an. Eine Ist-Analyse zu Formalien, Vorbereitungen und Gefühlslage. 

Formalien

Wie in allen Behandlungsschritten der Transition sind Infos durch andere Trans*Menschen in der Selbsthilfegruppe, das ftm-Portal, TransMann e.V.  und nicht zuletzt meinen Psychiater essenziell, weil es nach wie vor keine zentrale Informations- und Beratungsstelle gibt. Hier ein rudimentärer Überblick, wie der Papierkram funktioniert:

Krankenversicherung

Wer in Deutschland versichert ist, kann bei ihrer*seiner Krankenversicherung, egal ob privat oder gesetzlich,  die Kostenübernahme geschlechtsangleichender Behandlungen, wie zum Beispiel Operationen, beantragen. Die meisten Krankenversicherungen lassen den Antrag durch externe ärztliche Gutachter*innen des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) prüfen und müssen die*den Antragsteller*in innerhalb von fünf Wochen über das Ergebnis informieren – wird diese Frist nicht eingehalten, ist der Antrag gemäß §13 Abs. 3a SGB V automatisch genehmigt.

Mein Antrag auf Kostenübernahme ist seit Ende Januar in Bearbeitung, deshalb möchte ich mich online zur Zeit nicht dazu äußern. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich sicherlich dazu schreiben.

Krankenhaus

Nach dem Vorgespräch kann man mit dem Krankenhaus einen OP-Termin vereinbaren, je nach Krankenhaus muss die Kostenübernahme bereits genehmigt bzw. privat geklärt sein um einen Termin auszumachen. Die magischen Dokumente, die für die Operation benötigt werden sind eine Einweisung ins Krankenhaus durch die*den Hausärzt*in, die Indikation, ggf. die Kostenübernahme und die Versichertenkarte sowie ggf. aktuelle Laborwerte.

Anderer Papierkram…

… der auch jenseits von Trans* nicht schadet sind ein Organspendeausweis (habe ich eh schon lange) und eine Patient*innenverfügung (steht noch auf der To-Do-Liste).

Vorbereitungen

Es gibt drei Körper-Baustellen, an denen ich beschäftigt bin:

Gesundheit im Allgemeinen

Die allerwichtigste Aufgabe lautet, sich keinen Infekt oder Schnupfen mehr aufzusacken. Ansonsten wäre für die OP natürlich Idealgewicht wünschenswert. Die Kilos purzeln seit einem Jahr langsam aber stetig, ohne dass ich jenseits meiner Komfortzone Diät gemacht hätte. Es macht sich aber bemerkbar, dass ich ein bisschen weniger schlecht esse. Und seien wir ehrlich, ich bin nach wie vor ein bisschen zu klein für mein Gewicht!  Meine Sportlichkeit ist auch mehr Theorie als Praxis, was in den letzten Monaten fairerweise auch am Thema Umkleiden lag. Die Mitgliedschaft im Fitnessstudio ist gerade ausgelaufen und ich liebäugle mit Yoga – bis sich diese Frage klärt gibt’s aktuell Spazieren und Radeln statt Busfahren, ein bisschen Liegestütz und Sit-Ups zu Hause. Ja, das ist soft, aber ja, das ist besser als nichts.

Binding & Haut

Seit anderthalb Jahren trage ich tagsüber Binder, das heißt seit anderthalb Jahren ist die Haut im gesamten Brustbereich tagsüber gequetscht. Sie ist dünn, trocken und empfindlich. Dazu kommt überschüssige Haut, denn die Brüste haben durch die Körperfettverteilung des Testosterons schneller Volumen verloren, als die Haut sich zurückbilden konnte. Auch wenn ich einen Großteil dieser Haut bald loswerde, versuche ich sie noch zu pflegen, denn je dünner die Haut ist, desto schwieriger wird sie zu nähen sein. Regelmäßiges eincremen und den Binder so wenig zu tragen wie möglich ist zwar keine außergewöhnliche Vorbereitung in diesem Sinne, sehr wohl aber Pflege und Schadensbegrenzung.

Rauchen

Viele Abonnent*innen des Blogs kenne ich nicht persönlich, sodass ihr wohl nicht wisst, dass ich rauche. In meiner gut 10-jährigen Raucherkarriere habe ich zweimal für ein halbes Jahr nicht geraucht, also weiß ich schon, dass es auch ohne geht. Dass Rauchen schlecht ist, weiß jedes Kind. Dass auch Raucher*innen operiert werden, weiß jeder Trans*Mensch. Dass Rauchen die Heilung bremst, stört und gefährdet, fällt bei rauchenden Trans*Männern gerne mal unter den Tisch.

Anyway, seit einer Woche probiere ich aufzuhören. Es klappt bisher so mittelprächtig, inklusive Rückfall und wahnsinnig schlechter Laune. Aber ich bleibe dran.

Gefühlslage

Je nach Kontext und Tagesform überwiegt Vorfreude, Hoffnung, Angst, Zweifel oder Unlust. Vorfreude auf einen Alltag ohne Binder, Hoffnung auf Linderung von Dysphoria, Angst vor Unzufriedenheit mit dem Ergebnis, Zweifel an Körperlichkeiten, Unlust auf Krankenhaus und Heilung… Ich überlege seit Wochen, wie ich dieses Brimbamborium in Worte fassen und zugänglich machen kann. So richtig weiß ich’s immer noch nicht; vermutlich werde ich die o.g. Aspekte in den nächsten Posts einzeln durchdeklinieren.

Mit meiner Therapeutin quatsche ich viel darüber, dass ich ein kleines Déjà-Vu zum Testostart letztes Jahr habe: Ich bin vor allem damit beschäftigt, nicht zu viel Hoffnung in die OP zu setzen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass mich die Mastektomie wirklich erleichtern wird. Und das, obwohl die Brüste mich schon gestört haben, bevor ich das Wort trans* kannte, obwohl die Brust-OP als einziger körperlicher Aspekt in meinem trans*Ding von Anfang an völlig klar ist. Ist das nicht absurd?

Manchmal denke ich auch, dass ich es einfach viel zu gewohnt bin, unzufrieden zu sein. Das einzige, was mich aus der zweifelnden Gedankenschleife zieht ist die Vorstellung, dass sich der OP-Termin verschiebt – da kriege dann doch Panik! Es ist spannend zu beobachten, was für ein starker Pessimist in mir steckt, denn manchmal finde ich alles schlecht, egal ob so herum oder so herum. Einerseits bin ich nicht überzeugt, dass die Operation tatsächlich Gutes mit sich bringt, andererseits ist eine Verschiebung der Mastektomie ein ziemlicher Horror.

Die Sorgen und Schlechtrederei im Vorhinein sind eine ziemlich auffällige Parallele zwischen Testostart und Mastektomie. Davon ausgehend, dass die Hormonbehandlung nicht einfach (war) und trotzdem genial ist, hoffe ich auf einen ähnlichen Ablauf mit der Mastektomie. Der Pessimist in mir denkt, es sei leichter, sich auf das Allerschlechteste einzustellen um nicht enttäuscht zu werden – dass ich mir damit aber das ganze Vorhinein zur OP verkompliziere, bleibt außer Acht. Aus der Therapie-Perspektive ist ja die ominöse Bewusstmachung von (Verhaltensmustern im Umgang mit) Gefühlen Schritt 1 zur Besserung: Es hilft nicht nur im Annehmen der Zweiflereien, sondern auch im Auflösen des Paradoxons aus „Ich will“ vs. „Ich will nicht“.

14 Kommentare zu „Mastektomie: 4 Wochen Pre-OP“

  1. Lieber Julius,
    Seit Beginn lese ich Deine Berichte mit grossem Interresse und voll Bewunderung. Du hast eine ganz bemerkenswerte Begabung zu reflektieren und Deine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Hut ab und ein ‚kusje‘ von der Tante/Grosscousine aus Holland😉
    Vivika

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  2. Huhu Julius, ich find es „erschreckend“, wie genau sich deine Gefuehlslage vor der op mit meiner deckt, insbesondere in Sachen Pessimismus. Auch ich hatte quasi nur Angst vor einer Verschiebung und konnte mir so kurz vorher kaum eine Besserung durch den Schnitt vorstellen. Der Pessimismus war mir koerperbezogen so sehr zur zweiten Natur geworden. Ich wünsche dir alles nur erdenklich Gute und bin ziemlich sicher, dass dein Pessimist genauso überrascht sein wird, wie meiner. Daumen sind gedrückt!

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  3. Julius, ich bin da ziemlich sicher! Hatte im KH noch ein bisschen Hänger, fühlte sich fast wie posttraumatischer Stress an. Aber seitdem die Wunden zu sind, gibts kein Halten mehr. Lass deinem Pessimisten Zeit, der braucht Zeit, sich umzustellen 😂

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