Vorgespräch zur Mastektomie in Reinbek

Gemeinsam mit meiner Mutter war ich im September zum Vorgespräch für die Mastektomie in Reinbek bei Hamburg. Der Chirurg wird in der Trans*Szene aufgrund seiner Erfahrung und Ergebnisse  als Guru gehyped.

Die Gesprächsatmosphäre war gut und angenehm. Der Chirurg hat zunächst den Ablauf der OP erklärt und Fotos seiner am meisten und am wenigsten gelungenen OP-Ergebnisse gezeigt, anschließend wurden Fragen geklärt.

„Große Schnitte“

Es gibt zwei gängige Techniken für die Brust-OP bei Trans*Männern, wobei für mich aufgrund der großen Ausgangslage nur die sogenannten „großen Schnitte“, also die komplette Mastektomie mit freier Transplantation der Brustwarzen, in Frage kommen.

Dabei wird die Haut unterhalb der Brüste horizontal aufgeschnitten und Drüsengewebe, Fett und überschüssige Haut entfernt. Anschließend wird die wird die Haut wieder vernäht. Die Narbe sitzt unterhalb des Brustmuskels und verläuft vom äußeren Brustansatz an den Seiten über den Brustkorb: Ob die Narbe bis unter die Achseln geht, ob sie durchgängig ist oder ein Stück gesunder Haut auf Höhe des Solarplexus bleibt, hängt von Größe und Position (also Enge) der Brüste ab.

Was die Nippel betrifft, so wird verkleinert und frei transplantiert: Die Verkleinerung erfolgt durch ein standadisiertes Verfahren, was sich der Laie ein bisschen wie Plätzchen ausstechen vorstellen kann. Die beiden verkleinerten Vorhöfe und Brustwarzen werden dort positioniert, wo bei Cis-Männern die Brustwarzen sitzen. Bei der Transplantation werden die ersten Hautschichten entfernt, die Transplantate eingesetzt und vernäht.

Risiken, Komplikationen und Heilung

Jenseits der – ich nenne es mal laienhaft – gewöhnlichen Risiken, die jede Operation mit sich bringt, gibt es einige spezifische Probleme, die nach der Mastektomie auftreten können. Dazu zählen Wundheilungs- und Durchblutungsstörungen, Hämatome und Schwellungen, Infektionen, Ansammlung von Wundflüssigkeit, Gefühlsverlust und Taubheit, übermäßige Narbenbildung, ästhetisch unbefriedigende Ergebnisse und im worst case der Verlust der Brustwarzen, falls diese nicht anwachsen und absterben.

Nach der Operation bleibt man rund eine Woche im Krankenhaus und ist relativ außer Gefecht gesetzt; einerseits weil der Körper den Eingriff an sich samt Narkose verdaut, andererseits weil die Bewegungsfreiheit der Arme eingeschränkt ist. Während der ersten zwei bis drei Tage führen Drainagen Blut und Wundwasser ab; zusätzlich werden die Nippel zweimal täglich gelasert, um die Durchblutung und damit das Anwachsen zu fördern. Nach dem Krankenhausaufenthalt ist man je nach Heilungsverlauf drei bis sechs Wochen krankgeschrieben, man sollte sich schonen und kann nur langsam wieder die Arme benutzen. Zusätzlich sind Sport und schweres Heben zunächst nicht möglich.

In die Thematik der Narbenpflege habe ich mich noch nicht genug eingearbeitet – fest steht aber, dass regelmäßiges cremen und einölen zum Standardprogramm zählen. Vorausgesetzt, dass man nicht oben ohne in der Sonne liegt, verblassen die Narben über die Jahre und rutschen bei ausreichendem Training unter den Brustmuskel, sodass sie immer unscheinbarer werden.

Fragen und Antworten

Die meisten Aspekte zur Mastektomie waren mir vorher schon klar bzw. wurden durch den Chirurg bereits erklärt. Zwei wichtige Fragen konnte ich (neben einigen zum Papierkram) allerdings klären:

  1. Warum  er seine Patienten im Gegensatz zu den meisten anderen Chirurg*innen keine Kompressionsweste nach der OP tragen lässt: Hier scheiden sich die Geister, seiner Meinung nach stört die Kompressionsweste nicht nur den Patienten, weil sie fürchterlich unbequem und über Wochen zu tragen ist, sondern auch den Heilungsprozess, weil keine Luft an die Haut kommt (die Narben sind natürlich abgeklebt). Das Gegenargument, dass der Druck gegen Schwellungen helfe, sei nicht zu beachten, da Schwellungen so oder so auftreten würden.
  2. Womit bei den Brustwarzen (nicht) zu rechnen ist: Der Verlust der Nippel nach der Transplantation wird immer seltener. Was die Empfindsamkeit angeht, so lassen sich keine guten Prognosen treffen. Manchmal bleiben sie komplett taub, manchmal registrieren sie Temperaturunterschiede und Berührungen – der Urzustand an Sensibilität ist bei der freien Transplantation jedoch nicht herstellbar.

Entscheidung für den Operateur

Dass ich mich für diesen Operateur entschieden habe, hängt mit mehreren Faktoren zusammen:

  • Der persönliche Eindruck im Gespräch war gut: Alle Fragen wurden gut beantwortet; er hat ohne zu beschönigen erklärt, womit zu rechnen ist; er ist sensibel für die Trans*-Thematik im Allgemeinen.
  • Erfahrung: Der Chirurg operiert im Schnitt vier Trans*männer pro Woche, das allgemeine Feedback in den einschlägigen online-Portalen ist sehr gut. Auch das Feedback zweier Trans*Männer von meinem Stammtisch war gut. Im ftm-Portal lassen sich zahlreiche Bilder von Ergebnissen und Heilungsverläufen einsehen, an denen über die Jahre eine klare Entwicklung (im Sinne immer ästhetischer und routinierter) erkennbar ist.
  • Kompressionsweste: Ich habe keine Lust, mich nach dem Binder-Tragen der letzten anderthalb Jahre für mehrere Wochen in eine noch engere Weste zu pressen. Dass sich an diesem Thema die Geister scheiden und beide Seiten die Richtigkeit für sich beanspruchen, verunsichert natürlich – in diesem Falle sprechen aber die zahlreichen gelungenen Ergebnisse des Chirurgen für sich.
  • Korrekturen: Der Chirurg plant ohne weitere Korrektur-OPs, wie es bei anderen Methoden und Chirurg*innen durchaus üblich ist. Auch klassisch-ästhetische Probleme wie die sogenannten „dog-ears“, also überlappende Haut am Ende der Narben an der Seite, sollen ihm nicht mehr passieren.
  • Lage: Reinbek liegt netterweise nur eine Stunde von meinem Elternhaus entfernt, sodass ich gut besucht werden und schnell nach Hause kann.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass in diesem Artikel einige Infos fehlen, sei es weil’s so lange her ist oder weil einiges für mich schon so klar ist. Und falls etwas zu vage/ungenau/laienhaft oder gar falsch erklärt ist: Lasst es mich wissen!

Ein Gedanke zu „Vorgespräch zur Mastektomie in Reinbek“

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