Bestandsaufnahme Januar 2017

Stand der Dinge, Januar 2017: Willkommen in der Zukunft! Dasselbe Fotostudio, beide Bilder für einen Ausweis, ziemlich genau zwei Jahre Unterschied.

Soziales und Passing

Das Outing ist seit April/Mai letzten Jahres abgeschlossen – ab und zu ploppt hier und da jemand im erweiterten Bekanntenkreis auf, die*der nichts mitbekommen hat. Ansonsten oute ich mich regelmäßig in Institutionen und „offiziellen“ Kontexten, in denen ich mich ausweisen muss. Mein Passing ist ungefähr seit Oktober nämlich so gut, dass ich in der Öffentlichkeit quasi durchgängig als männlich wahrgenommen werde. Die Notwendigkeit, mich als Trans* zu offenbaren, habe ich die letzten Wochen und Monate als zunehmend nervig empfunden. Umso erleichterter bin ich, dass die Vornamens- und Personenstandsänderung seit Mitte Dezember abgeschlossen ist und die große Umschreibung aller Dokumente aktuell in der Mache ist. Im privaten Kontext werden die Versprecher mit Namen und Pronomen immer seltener und kommen fast nur noch im Familienkreis vor.

Einhergehend mit dem Passing entstehen manchmal Missverständnisse, die eher mich als mein Gegenüber irritieren. Einerseits werde ich für wesentlich jünger gehalten, was mich stört, weil ich nicht wie ein Teenager behandelt werden möchte. Andererseits bin ich in mehreren Situationen für schwul gehalten worden;  Männer haben mich angeflirtet und Frauen haben nicht bemerkt, dass ich mit ihnen flirte. Dabei haben Männer nicht viel in meinem Beuteschema verloren, während die Frauen meine harmlosen Anmachen definitiv registriert hätten, hätte ich dabei ausgesehen wie vor einem Jahr (sprich wie eine klassische Butch-Lesbe, Entschuldigung für das Klischee). Die Wahrnehmung als schwul finde ich auf eine Art sehr angenehm, weil ich Angst vor der cis-heteronormativen Versenke habe und mir etwas queere Sichtbarkeit erhalten möchte. Auf eine andere Art erschwert sie mir natürlich auch die Platzfindung in einer Gesellschaft, in der ich mich überwiegend zu Frauen hingezogen fühle. Dass ich überhaupt eine Art Orientierung auszustrahlen scheine, zeigt einmal mehr, dass Orientierung und Identität in unserer Gesellschaft sehr, sehr stark vermischt sind. Mir ist in diesem Kontext einfach wichtig zu betonen, dass feminines Auftreten genau so wenig heißt, dass Männer schwul sind, wie maskulines Auftreten heißt, dass Frauen lesbisch sind.

Langfristig gedacht bin ich sehr gespannt, wie gut ich mich auf der anderen Seite der Geschlechterwelt zurecht finde. Mindestens an den Themen Alter und Orientierung lässt sich noch einiges drehen, wobei es unterm Strich vor allem darum geht, wie gut mein eigener Umgang mit dem Rest der Welt ist.

Psychisches und Physisches

Die letzten Monate waren die gleichzeitig anstrengendsten und schönsten seit Langem; die einzelnen Etappen lassen sich besser in den Testo-Updates und Videos nachvollziehen. Insgesamt geht es mir heute besser als vor einem halben Jahr, ganz zu schweigen vom Zustand vor einem Jahr. Mein Alltag ist weniger eingeschränkt, denn es dreht sich nicht mehr alles-immer-überall um Trans*, was ich sehr angenehm finde.

Viele Fragezeichen rund um meinen Körper und meine Zukunft als Trans*Mensch haben sich geklärt. Das Testosteron ist eine wahnsinnige Hilfe, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. Stimme, Körperform, Haarwuchs etc. sind ein wahrer Segen! Die erste große Erleichterung ist auf jeden Fall eingetreten und ein Zurückdrehen der Zeit kann ich mir nicht vorstellen. Nach wie vor begleitet mich jeden Tag Dysphoria, je nach Tagesform mal mehr mal weniger, mal diese mal jene Körperregion. Während die einen Sorgen also schwinden, ist Raum für neue geschaffen. Die Fragezeichen in Bezug auf ein langfristig zufriedenstellendes Wohlfühlen und die Operation(en) wachsen. Mit dem langfristig zufriedenstellenden Wohlfühlen meine ich, dass ich nicht nur die deutliche Verbesserung zum Tiefpunkt feststellen will, sondern mich irgendwann ganz platt gesagt in meinem Körper zu Hause fühlen möchte, ohne einer cis-Männlichkeit nachzujagen. Was OPs betrifft, so ist für April die Mastektomie geplant. Alles jenseits der Gürtellinie ist völlig unklar, wobei auch diese Thematik langsam größere Fragezeichen aufwirft. Die großen Themen für 2017 sind aber zunächst die Mastektomie und das Zurechtfinden in der männlichen Außenwirkung.

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