Keine leiblichen Kinder

Ich habe mich vorläufig gegen die Kryokonservierung entschieden und die Idee, Eizellen vor dem Testostart einfrieren zu lassen, verworfen. Dabei haben viele Aspekte eine Rolle gespielt.

Update aus dem Kinderwunschzentrum

Wie angekündigt hat meine Ärztin Kontakt zum modernsten und queerfreundlichsten Kinderwunschzentrum Deutschlands in Berlin aufgenommen, wo auch die Rechtsabteilung bemüht wurde.

Zu meiner Verwunderung hat es auch dort noch keinen Fall gegeben, in dem ein Trans*Mann per Kryokonservierung vorsorgen wollte. Es gab bisher wohl nur die Variante einer lesbischen Trans*Frau, die Vater geworden ist. Sie hatte vor ihrer physischen Transition Spermien einfrieren lassen und so konnte ihre Partnerin künstlich befruchtet werden. Dass dieser Weg in Deutschland legal ist liegt daran, dass es sich um ausschließlich eigene Zellen des Paares handelt.

Nach Blutabnahme und Ultraschall der Eierstöcke hat sich auch ergeben, dass ich kerngesund und reich an Eizellen bin. Da hätte ich mir fast ein anderes Ergebnis gewünscht, um das Thema leichter bei Seite legen zu können.

Ich greife zwei Punkte aus dem letzten Kinderwunsch-Artikel auf, die vom Berliner Kinderwunschzentrum erneut bewertet wurden:

„Ob ich selbst mit meinen eigenen Eizellen künstlich befruchtet werden dürfte, wenn meine VÄ/PÄ durch ist, ist fraglich.“

Tatsächlich handelt es sich um eine rechtliche Grauzone. Niemand außer der spendenden Person darf über die Zellen verfügen, entsprechend niemand außer mir. Allerdings fußen die entsprechenden Gesetzestexte auf explizit weiblichen Formulierungen, die mich nach VÄ/PÄ nicht miteinbeziehen. Nach Einschätzung der Berliner Juristen stünden die Chancen gut, sich durch die entsprechenden Instanzen zu klagen, um die Zellen selbst verwenden zu dürfen. Sobald das geklärt ist, tut sich allerdings das Problem der Befruchtung mit Fremdsperma auf: Mein Anspruch auf eine Samenspende geht gegen Null, selbst wenn ich es in einem Bundesland mit legaler künstlicher Befruchtung für Alleinerziehende versuchen würde. Die einzige legale Option wäre die Samenspende eines Partners, mit dem ich beim Notar eine Partnerschaft eintragen ließe. Womit wir wieder beim Punkt wären, dass ich doch eher gynäphil gepolt bin.

Exkurs-Gedanken: Hurra, immer noch keine Gleichstellung der „Homo-„Ehe … warum müssen Menschen überhaupt heiraten … es gibt SO viele Menschen, die nicht in vorgefertigte Lebensmodelle passen … was soll das alles eigentlich … da kriege ich Weltschmerz … Aaaaah

„Eine etwaige Partnerin dürfte meine Eizellen in Deutschland nicht austragen, weil Leihmutterschaft verboten ist. Nach Aussagen der Ärzte ist es juristisch auch so kompliziert, dass mit Gesetzesänderungen in den nächsten Jahren eher nicht zu rechnen ist.“

Diese Aussage wurde aus der Rechtsabteilung nur nochmal bestätigt, dass Veränderungen zur Leihmutterschaftsgesetzgebung in den nächsten 10-15 Jahren nicht absehbar sind. Es wäre theoretisch einen Versuch wert, das Austragen meiner Eizelle samt Fremdsperma durch eine Partnerin bis zum Bundesgerichtshof durchzuklagen. Die Erfolgsaussichten sind jedoch nicht abschätzbar und der Aufwand wäre immens. Einerseits bin ich der Meinung, dass ja irgendjemand den Präzedenzfall schaffen muss (mir also an die eigene Nase fassen), andererseits gibt es auch genug andere Baustellen in meinem Leben. Mit einem jahrelangen Rechtsstreit und ungewissem Ausgang würde ich mir wohl keinen Gefallen tun.

Beratung bei ProFamilia

Im Gespräch bei ProFamilia sind wir zunächst etwas allgemeiner an die Frage nach leiblichen Kindern herangegangen. Die Stoßrichtung dabei war, dass es vielfältige Schicksale gibt, bei denen der leibliche Kinderwunsch nicht erfüllbar ist. Worüber ich dabei aber immer wieder gestolpert bin ist das Gefühl, mir selbst den Weg zu versperren: Ich bin nicht krank, ich bin fruchtbar, ich möchte zu einem späteren Zeitpunkt Kinder haben. Gleichzeitig sorge ich (durch Testo) aktiv dafür, nicht mehr fruchtbar zu sein. Aber ich habe mir auch nicht ausgesucht, trans* zu sein.

Im weiteren Verlauf ging es um die Perspektive, was denn in 10, 15, 20 Jahren sein wird: Ist der Kinderwunsch dann tatsächlich genau so präsent, wie ich es mir jetzt ausrechne? Ist die Rechtslage dann immer noch so unbefriedigend wie 2016? Gibt es überhaupt eine Partnerin? Wenn ja, teilt sie den Kinderwunsch? Würde sie meine Eizellen austragen wollen? Würde sie meine eigene Schwangerschaft mitbegleiten wollen? Wie händel ich mein Leben, wenn ich seit Jahren oder Jahrzehnten unauffällig als Mann daherkomme und plötzlich eine Schwangerschaftskugel vor mir herschiebe? Nisten sich meine Eizellen überhaupt ein, sei es bei einer Partnerin oder mir, wenn ja, überlebt der Embryo? Wie verläuft die Schwangerschaft?

Die Frage nach wie-erklärt-man’s-dem-Kind-wo’s-herkommt, finde ich übrigens relativ unbedenklich: Wir leben im 21. Jahrhundert, Retortenbabys und Fremdsperma sind keine Neuigkeit mehr. Übrigens wird auch an der Befruchtung Eizelle-Eizelle geforscht.

Das Auffächern dieser ganzen unbekannten Variablen hat mir geholfen, ein bisschen klarzukriegen, dass ich mir sowieso keine Garantien schaffen kann. Selbst wenn ich bestmöglich vorsorge und Eizellen einfrieren lasse, kann ich nicht wissen, was die Zukunft bringt.

Vertrauen in Entscheidung

Das ganze Thema Kinderwunsch hat mich wochenlang ziemlich viele Nerven gekostet, deshalb folgt dieses Update erst so spät. Ich habe mich erstmal dagegen entschieden, die Möglichkeit leiblicher Kinder wahrzunehmen, und mit Testo angefangen. Notfalls ist noch eine kleine Hintertür offen. Innerhalb der ersten Jahre ist es noch möglich, Testo abzusetzen und Eizellen entnehmen zu lassen – nur ist nicht abschätzbar, wie groß dieses Zeitfenster ist.

Neben den diversen Konsultationen, Therapiesitzungen und eigenen Gedankenschleifen habe ich mich viel mit Freunden und Familie unterhalten. Letztendlich wurden immer wieder dieselben Kreise gezogen:

Die einzige sinnvolle bzw. realistische Option wäre das Einfrieren im Ausland, was allerdings einen erheblichen psychischen, physischen, zeitlichen, organisatorischen und nicht zuletzt finanziellen Aufwand bedeutet hätte. Einen Aufwand, den ich in der aktuellen Lebenslage nicht tragen kann und will. Die ganze Dysphoria-Problematik schreit nach Erleichterung durch Testo, OPs, VÄ/PÄ. Ich wäre bereit gewesen, mit Testo noch etwas zu warten, hätte aber spätestens im August anfangen wollen, um in den nächsten Winterferien die Mastektomie mit erfüllten Fristen und vollständigen Papieren machen lassen zu können. Ob die Eizellentnahme bis August erledigt und der Hormonhaushalt bereit für Testo gewesen wäre, war mehr als fraglich. Mein Privatleben leidet schon genug unter zig Einschränkungen durch Trans*, sodass ich mich ernsthaft fragen musste, was wichtiger ist.

Manchmal gibt es keine richtigen Entscheidungen, irgendetwas bleibt auf der Strecke, egal was ich mache. Folglich gibt es aber auch keine falschen Entscheidungen. Aus der Situation Frühjahr 2016 heraus kann ich es mit mir vereinbaren, keine Eizellen eingefroren zu haben. Ich habe natürlich Angst, mir später Vorwürfe zu machen und ich hoffe, ein bisschen in die Entscheidung hereinzuwachsen. Ich muss darauf vertrauen, dass ich es mir auch in Zukunft zugestehen kann, so gehandelt zu haben. Hoffentlich kann mein 35- oder 45-jähriges Ich den Mut meines 24-jährigen Ichs, zu entscheiden und zu transitionieren, wertschätzen statt verspätet zu bereuen, was sich nicht mehr ändern lässt. Hätte-wollte-könnte funktioniert nicht in der Praxis.

Trans* ist ein schmerzhafter Prozess und es ist müßig, sich mit Cis-Menschen zu vergleichen, die natürlich alle höchstfertil und kinderfreudig sind. Ich nehme, was ich kriege.

6 Kommentare zu „Keine leiblichen Kinder“

  1. Dank für Deinen so ausführlichen Bericht, mein geliebter Julius- was für elend lange zermürbende Gedanken, Recherchen, Mühen! Dein Facit ist bestimmt richtig! auch im Gedanken an die über übernächste Generation, aber auch für Dich – das mühsame Hin-und Her mit ungewissem Ausgang würde ja ewig weitergehen und dann gibt es immer noch die Möglichkeit einer Adoption. Gut, daß diese eine Baustelle Dich nicht mehr plagt, wenn ich Dir auch gewünscht hätte, daß ein bißchen „Unfruchtbarkeit“ Dir die Entscheidung abgenommen hätte.

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      1. Ist das jetzt nur eine Antwort auf Großmutters Kommentar oder ein eigener Kommentar? Egal. Ich lese deinen Blog mit sehr viel Interessse und schaue jeden Abend (oft enttäuscht) , ob du etwas neues gepostet hast.
        Offengestanden ist mir vieles noch sehr fremd und gewisse, genderoffenere Gedankenschienen sind auch bei mir als reisender Rastafari nicht viel benutzt worden. Aber mindestens für dich, wenn nicht für jedermann, probiere ich den Genderzug tag für tag durch meinen Kopf bimmeln zu lassen. Und wenn ich Glück habe, begreife ich irgendwann auch alles in vollrm Umfang. Mag sein, dass hier und da mal unerwartete Fragen kommen könnten, aber ich wünsche dir aus ganzem Herzen alles Gute und Bereichernde, das dir deinen derzeit sehr mühsamen Weg erleichtert.

        Und falls das eine Antwort auf Großmutters kommentar ist:
        Ich bin total baff, dass unter jedem von julius‘ sens Blogeinträge ein Kommentar von dir steht. Was für eine herzliche Großmutter!

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      2. Danke Sune! So viele literarische Ergüsse schaffe ich nicht als dass hier jeden Tag was neues geflogen kommt.
        Das war übrigens eine Antwort auf Großmutters Kommentar statt eines neuen Kommentars 😉

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  2. Der Beitrag ist zwar schon älter, aber ich möchte trotzdem noch was dazu kommentieren: zunächst mal danke ich Dir, dass Du Deine Entscheidungsfindung und Gedanken zum Thema so öffentlich zugänglich machst. Es ist in der Tat kein einfaches Thema und man sollte sich vorher Gedanken darüber machen. Ich gehöre eher zur Fraktion derer, die keinen ausgeprägten Kinderwunsch hatten und wo sich bei der Hysto auch noch herausstellte, dass eh organische Probleme vorhanden waren.

    Nichtsdestotrotz möchte ich zu Cis-Menschen anführen, dass eben auch da nicht bei allen alles klappt. Ich habe mehrere solcher heterosexuellen Paare in meinem Freundeskreis. Du könntest eine Partnerin kennenlernen, die vorher gar nicht weiß, dass sie nicht ohne Probleme schwanger werden und Deine Eizellen austragen kann. Was die Option Ausland angeht, so habe ich da erst neulich in einem Forum einen Beitrag von einem TM entdeckt, der Eizellen in Polen einfrieren ließ. Dort hat sich die gesetzliche Lage so zum Negativen verändert, dass eine Leihmutterschaft nicht mehr möglich wurde oder sie ihn als TM nicht künstlich befruchten würden – so genau ist mir das jetzt nicht präsent. Ich will damit nur sagen: auch im Ausland kann sich die Lage so verändern, dass der ursprüngliche Plan nicht gelingt.

    Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Frieden mit Deiner Entscheidung machen kannst.

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    1. Hi Till,
      danke für dein Feedback – genau dafür, dass die Prozesse später noch nachvollziehbar sind stehen die älteren Posts weiterhin online 🙂

      Der Blick auf Cis-Menschen, die genau so sehr Probleme mit der Umsetzung des Kinderwunsches haben, ist auf alle Fälle hilfreich. Langfristig gesehen wird darin sicherlich der Knackpunkt im Akzeptieren liegen. In meiner Auseinandersetzung letztes Jahr hat das eine relativ kleine Rolle gespielt, weil ich mich „aktiv“ gegen die Fruchtbarkeit „entschieden“ habe – deshalb hat der Cis-Vergleich für mich gehinkt, weil ich dabei immer von krankheitsbedingten (oder erblich etc.) Unfruchtbar-/Zeugungsunfähigkeiten ausgegangen bin.

      Was die Kryokonservierung im Ausland betrifft: Die Geschichte des TM in Polen klingt schrecklich. Mensch kann nicht alle Veränderungen kommen sehen… ich stöber nochmal im ftm-Portal. Ich hatte übrigens mit den Niederlanden, Dänermark und England geliebäugelt.

      Grüße!

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