Julius heißt er/sein/ihm

Bei dieser Umstellung ist besonders das Umfeld gefragt. Eine Sache ist, dass ich mich als Julius vorstelle, eine ganz andere Sache ist, dass mein Gegenüber das auch umsetzt.

Übergang

Die erste Übergangsphase war wirklich schräg: Schon bevor Julius per se feststand, sind viele auf Jules statt Julia eingestiegen, was zumindest für den deutschen Sprachgebraucht eher unisex als weiblich anmutet. Auch den alten Facebook-Account habe ich auf Jules umbenannt. Julia hat sich schon lange falsch angefühlt. Eine ganze Zeit lang habe ich mich auch unterschiedlich vorgestellt:

Je nach Kontext stelle ich mich auch noch als Frau vor, weil ich noch nicht zufrieden genug mit meinem Passing bin. Das liegt daran, dass ich mich bei fremden Menschen, denen ich keine große Trans*sensibilität zuschreibe, nicht als Typ vorstellen möchte, wenn diese mich für offensichtlich biologisch weiblich halten.
Bestandsaufnahme Februar 2016

Besonders unangenehm waren z.B. Parties, auf denen die eine Hälfte eingeweiht war und fleißig Julius geübt hat, während die andere Hälfte nichts von Trans* wusste oder mich nicht kannte. Manchmal habe ich konsequent auf jedes „Hallo ich bin Lisa“ mit „Hey was geht ab“ geantwortet und bin weitergegangen. Das hat solange funktioniert bis Lisa zehn Minuten später wiederkam und sagte „Sorry, ich bin so schlecht im Namen merken, wie heißt du nochmal?“

Vermischung

Daran kann man also ablesen, dass es auch für mich eine Übungssache war (ist). Seit die Namenskiste für mich soweit gegessen ist, dass ich mich nur noch als Julius vorstelle, fallen mir die komischsten Variationen in meinem Umfeld auf.

Einerseits gibt es eine große Fraktion, die mit Bravour Julius sagt aber kein er/sein/ihm herausbringt. Das führt dann dazu, dass in jeder Unterhaltung zehnmal der Name Julius fällt:
„Das ist Julius‘ Sache…“ statt „Das ist seine Sache…“
„Also habe ich zu Julius gesagt…“ statt „Also habe ich ihm gesagt…“
„Dann hat Julius geantwortet…“ statt „Dann hat er geantwortet…“

Andererseits gibt es eine mindestens genauso große Fraktion, die erfolgreich sämtliche Namen und Pronomen vermeidet. In der Praxis sieht das so aus: Ein paar Freund*innen und ich sitzen auf dem Campus und schlürfen Kaffee. Freund*in A erzählt Freund*in B, was wir letztes Wochenende unternommen haben. Statt zu sagen „Julius und ich haben an der Donau gechillt“ heißt’s also „Wir haben an der Donau gechillt“. Daraufhin ist Freund*in B verunsichert und hakt nach, wer denn an der Donau gechillt hat. Freund*in A guckt mich an, sagt „Du“, gestikuliert, stammelt, „Also, ja äh wir hier“.

Die richtigen Experten schaffen sogar „Julius hat ihren Tabak dabei. Du kannst bestimmt eine Zigarette von ihm schnorren, sie ist da ganz entspannt“.

Die Leute, die durchgehend den richtigen Namen mit den richtigen Pronomen benutzen, kann ich an zwei Händen abzählen. Tendenz steigend!

Umgewöhnung

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ich weiß, dass es seine Zeit braucht, mit unbewussten Denkprozessen wie Namen und Pronomen zu brechen. Fairerweise muss ich mich in Geduld üben.

Die Faustregel ist ein bisschen: Je länger man sich kennt und je weniger man sich sieht, desto schwieriger ist die Umstellung. Und je länger man sich kennt und je weniger man sich sieht, desto mehr kann ich verstehen, dass es schwer fällt.
Bestandsaufnahme Mai 2016

Trotzdem nervt es mich wahnsinnig schnell, falsch angesprochen zu werden. Ich muss mich bemühen, es niemandem vorzuwerfen, aber bei manchen Leuten habe ich auch den Eindruck, dass sie es nicht richtig versuchen. Jedes Julia/sie/ihr/ihr stört mich massiv, weil es mich an Trans* und an früher erinnert. Ich bin unzufrieden mit meinem Passing und diese Unzufriedenheit wird dadurch getriggert. Mich als Frau anzusprechen kommt bei mir als „Du bist eine Frau und wirst auch eine bleiben“ an. Auch wenn es in den allermeisten Fällen nicht so gemeint ist, suggeriert es mir, als weiblich wahrgenommen zu werden.

Bisher ignoriere ich es, wenn ich falsch angesprochen werde. Ich tue so, als wär nichts und übergehe das Misgendern. Ich weiß von einigen anderen Trans*Menschen, die ihr Umfeld sofort und konsequent korrigieren. Dafür fehlt mir ein bisschen die Muße, weil ich einerseits keine Lust habe, den Leuten über den Mund zu fahren, und andererseits, weil ich nicht immer und überall das Trans*Fass aufmachen will. Dass ich es nicht anspreche heißt aber nicht, dass es mich nicht stört.

Im Zweifelsfalle heißt die Devise ehrlich nachfragen. Neulich haben Freund*innen mich die ganze Zeit mit Jules angesprochen, weil sie schlicht nicht mitbekommen haben, dass die Übergangsphase vorbei ist. Das habe ich ihnen dann gesagt, und damit war’s auch gegessen.

Also Leute, es ist Übungssache. Es fordert ein bisschen Konzentration und Disziplin, aber so unmöglich ist das nicht! Wer versteht, wie wichtig es ist, korrekt angesprochen zu werden, dem fällt’s auch nicht so schwer.

3 Kommentare zu „Julius heißt er/sein/ihm“

  1. Ein Beitrag bei dem ich durchgegehend Schmunzeln musste!
    Ich bin gespannt wie es bei mir werden wird. Momentan bin ich in der Phase, wo ich lieber „namelos“ wäre.

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  2. Oh man, du schreibst mir wirklich aus der Seele, mein Bruder im Geiste.
    Ich tue mich derzeit auch damit schwer. Die meisten und wichtigsten Leute aus meinem Umfeld wissen mittlerweile Bescheid. Meine Freunde chillig, meine Mutter sowieso, meine Schwester naja…
    Aber irgendwie haben sie alle am Namen zu knabbern. Wenn sie dann aber von mir als „sie“ sprechen und den alten Namen verwenden… Urgh! Da graust es mich und ich denke das ich es an ihrer Stelle „besser und konsequenter“ machen würde.
    Ich weiß natürlich, dass das nicht fair ist, aber ich fühle mich dann einfach immer so…so…nicht ernst genommen? Nicht akzeptiert?
    Das Schlimme ist wohl, wenn es einer ganz strikt machen würde die anderen würden garantiert mitziehen! Naja, genauso im umgekehrten, schlechten Sinne…
    Und das dumme ist, ich bin einfach generell ein Eigenbrötler und Sonderling. Ich sehe meine Freunde nicht allzu oft, auch wenn es dann meistens Spaß macht, was es die Situation nicht unbedingt einfacher macht. Tja, aber so ist das eben, ich finde es auf jeden Fall einfach toll das du mich und all die anderen an deinen Erfahrungen Teilhaben lässt, danke dafür Julius 😀

    Liebe Grüße, Sal

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